Georg Boskamp - Drawing by Driving
Objects in the mirror are closer than they appearVernissage-Rede von Robert Jordan
Vor wenigen Wochen begegnete ich Herrn Boskamp im Montanushof. Er stand dort an eine Säule gelehnt und atmete schwer. Ich begrüßte ihn und fragte nach seinem Befinden. Er antwortete, er stehe immer noch unter dem Schock eines Autounfalls, der sich am Vortrag auf seiner Fahrt von Würzburg nach Grevenbroich unmittelbar vor ihm ereignet hatte. Ich warf noch schnell meinen Zeichenblock beiseite und bremste. Als mein Fahrzeug stillstand, war der verunglückte Wagen mir direkt gegenüber, dem Fahrer floss das Blut übers Gesicht.
Erlebnis einer Autofahrt. Autofahren ist für Georg Boskamp nicht nur Fortbewegung zwischen seinen beiden Aufenthaltsorten Grevenbroich und Würzburg, sondern auch Produktion künstlerischer Arbeiten. Denn seit 1987 fertigt Georg Boskamp während des Fahrens mit dem Auto Bleistiftskizzen, mit Hilfe derer er seine ganz persönlichen Eindrücke des Erlebens festhält: drawing by driving nennt der Künstler seine Kunst. Die Autobahn als Atelier.
Professor Hans-Georg Boskamp, 1943 geboren, der seine künstlerische Ausbildung bei Gerhard Hoehme und Peter Brüning genoss, bezeichnet sich als Traditionalist. Er war in den 80er Jahren an der FH Würzburg als Professor für Zeichnung und künstlerischen Werdegang tätig. Seither lebt er als freischaffender Künstler.
Parallel zu der Ausstellung hier in der Produzentengalerie Judith Dielämmer zeigt er zur Zeit seine Werke auch in Tauberbischofsheim als Gast des dortigen Kunstvereins.
Objects reflected in the mirror are closer than they appear, so betitelte Boskamp seine Ausstellung in diesem Raum, nach der Gravur im rechten Aussenspiegel seines Autos. Manchem wird der Song von Meat Loaf in den Ohren klingen, dessen Refrain so ähnlich formuliert ist und der tatsächlich als Grundlage boskampscher Kunst dienen könnte. Hier ein Auszug:
We were racingwe were soldiers of fortune
We got in trouble but we sure got around
There are times I think I see him peeling out of the dark
I think he's right behind me now and he's gaining ground!
But it was long ago and it was far away
Oh God it seems so very far
And if life is just a highway then the soul is just a car
And objects in the rear view mirror may appear closer than they are.
Das Leben ist eine Autobahn und die Seele ist ein Auto und die Dinge, die man im Rückspiegel sieht, scheinen näher als sie sind. Georg Boskamp fährt ein Chevrolet-Van; dieses Fahrzeug hat neben dem Lenkrad eine Konsole, auf die ein Block passt. Während er seinen Wagen mit der linken Hand steuert, zeichnet er mit der rechten auf einem Block das auf, was er wahrnimmt: den Straßenverlauf etwa, die Verkehrsteilnehmer, die Umgebung rechts und links der Fahrbahn, den Himmel. Zusätzlich werden das Datum, die gefahrene Geschwindigkeit, eventuell der Ort oder bestimmte Besonderheiten vermerkt. Seine Zeichnungen beschreiben den orphischen, überindividuellen Raum der Autobahn, der nur durch die Linien einer strengen oppositionellen Geometrie gezügelt ist. Daneben enthalten sie nicht nur, für den Betrachter mitunter sehr abstrakte, Abbilder deutschen Autobahnlebens, sondern nehmen auch die Zeit als vierte Dimension visuell hinzu.
Drawing by Driving, Boskamp's Spezialität also, ist der Versuch, die vierte Dimension der Zeit in der Zeichnung sichtbar zu machen. Die Zeichnungen stellen in der Fläche des Blattes den durchfahrenen Raum in den Bezug der dazu benötigten Zeit. Er weicht ab von den klassischen Tafelbildern, indem er eine Komposition schafft, die das Erlebte auf Linien reduziert und gleichzeitig seine individuelle Zeit impliziert. Dieses so geschaffene Zeitformat ist die eigentliche Botschaft seiner Kunst.
Dabei will der Künstler keine wirkliche Einordnung seiner Arbeit, damit sie nicht in die Klischees der kunstkritischen Begriffe gerät. Er möchte sie eher als abhängig von anderen Kräften, somit also politisch, sehen. Ich werde gezeichnet, will meinen, dass die Zeichnung den Umgang mit den Dingen erleichtern und dem Verkehr das Feindliche nehmen soll. Auf der Grundlage seiner Skizzen entstehen die großformatigen Zeichnungen, praktisch als Beweis dafür, das sein Zeitformat darstellbar ist.
Der Künstler gibt in der Regel keine begleitenden Kommentare zu seinen Werken ab. Wenn er sich jedoch veranlasst fühlt, eine Zeichnung zu beschreiben, kann dies sehr lyrische Formen annehmen. Hier eine Kostprobe:
Parkplatz Held Lana, 21.07.02.
Die Zeichnung trägt das Zeichen einer schweren Mitte, einfach und stolz, ein Regentropfen auf heißem Beton. Wie im Frost ruhen mattglänzende Augen der Fremden auf betonbleichen Zwischenräumen neben misstrauischen Achsen. So, als wäre der Tanklastzug mit kreisendem Blut beladen.
Es war schwarz, das plötzlich berührt und wieder verlassen wird, die Linie auswirft, siegreich und unfruchtbar, seit sie die Nahrung verlassen hat, groß - wie schon gewesen - in Anfang und Ende geschlossen.
Von hier aus eilt massenhaft operngleich hochstehender Gesang. Ein Blick zurück ist dem Zeichner nicht gestattet. Ohne Erinnerung, geschichtslos in gerichteter Flucht, treibt er die schwarze Erde, abseits ausgeatmet, verstreute gesammelte zerstörte Reste der Zeit in unpassendem Raum, fremd das Nahe und Fernes, von allen umworbenes Tier, das noch nicht da ist im Raume. Auf dem Wasser, das Himmelhell spiegelt, zieht das Farbband von Maschinenöl, greifen Optionen an, Investment verhindert die Rückkehr ohne Vertrag, die Baisse macht Sparer beklommen und ängstlich und ihre Pläne wenig lukrativ.
So der Originalton Georg Boskamp, lyrisch und politisch. Lukrativ für Ihre Erfahrung, meine Damen und Herren, ist sicher der Besuch dieser ungewöhnlichen Exponatschau. Die Ausstellung ist eröffnet.
