Glas-Experimente
Glas – sagt der Brockhaus – ist ein anorganisches Schmelzprodukt, das abgekühlt und erstarrt ist, ohne merklich zu kristallisieren. Die Schmelzpunkte verschiedener Glasrohstoffe liegen zwischen 850 und 1700 Grad Celsius. Es entsteht also bei größter Hitze und wird dann ein spröder, kühler, transparenter Stoff. Eigensinnig und oft nicht berechenbar – auch für Anne Blass. Glasexperimente nennt sie diese Ausstellung deshalb.
Außerdem ist Anne Blass auch Jägerin und Sammlerin. Sie jagt an den Stränden der Normandie, auf Schrottplätzen, streift durch verlassene Dörfer oder über französische Friedhöfe.(natürlich mit dem gebührenden Respekt – sie ist ja keine Grabräuberin). Aber was trägt sie denn da alles zusammen? Was löst den künstlerischen Prozess aus?
Es sind die anderen Werte, die den meisten Menschen wertlos erscheinen, z.B. Holz – meist in der Form von Treibholz, alt, abgeschliffen, angetrieben, unbearbeitet oder altes Bauholz teilweise mit Spuren von Bearbeitung kantig, roh, liegengelassen, weggeworfen. Nun sind sie Träger und Gegenpol zu luftigem, filigranem Glas. Sind sie Grabstelen, Zeugen und Mahner.
Oder Stäbe, sogenannte Venn-Stäbe, liegengeblieben im Hohen Venn, wo sie vorher die Schneehöhe markiert haben. Nun sind sie für einige Objekte schwebende Rahmen, die mit dem umschlossenen Glas an Segel erinnern. Oder Glas und Bauholz ergänzen sich zu Meereslandschaften und Steine – auch gefunden an den Stränden der Normandie - nun halten sie scheinbar Schwereloses im Gleichgewicht, verbinden blaue Segel mit der Erde.
Und dann sind es Metalle – übriggeblieben, verworfen – Restmüll – gefunden auf Schrottplätzen und in Containern. Es sind Stäbe, Rohre, Drähte, große Platten, ein großes – Unbehagen einflößendes Sägeblatt und ebenso unangenehm: Stacheldraht.
Oxydierte, verwitterte Oberflächen sind nun der erdige Kontrast zu blauzartem Glas.
Glas, Holz, Metall, Stein – das sind die Elemente dieser Objekte – aber es kommt noch etwas dazu: Licht, blaues Licht.
Licht – das ist der sichtbare Bereich elektromagnetischer Wellen. Trifft Licht auf Glas ändert die Lichtwelle ihre Richtung. Anne Blass kalkuliert sowohl mit natürlichem Licht als auch mit künstlichem in Form von Halogenlämpchen, deren Licht durch Lochbleche zu überraschenden Streuungen und Brechungen führt. So kommt es zu einer geheimnisvollen Aura, bzw. Atmosphäre. Und die Farbe Blau trägt entscheidend dazu bei.(...)
Das Thema der Buchobjekte von Anne Blass ist der Tod. Hier wird kein Wissen mehr vermittelt – hier ist das Buch ein Mahnmal: weiss, archaisch wie eine alte romanische Basilika mit bläulich runden Fenstern.
Aufrecht stehend, statisch, geschlossen, erdverbunden, schutzbietend – die ursprüngliche Funktion ad Absurdum geführt, das sind die Stehende Schiffe. Archaische Behausungen, winzige Kathedralen, Gedenkstätten. (...)
Die Objekte der Ausstellung leben durch viele Kontraste: erdverbunden oder schwebend, zerbrechlich oder fest, filigran oder kompakt, transparent oder opak, roh oder bearbeitet und auch die Atmosphäre ist ambivalent – wie schon erwähnt – unbeschwert blau oder melancholisch mahnend. Was Sie mehr berührt – werden Sie mitnehmen: die Leichtigkeit des blauen Segels oder die melancholische Mahnung – oder das Licht als kostbares Geschenk. Robert Schumann: Licht senden in die Tiefe des menschlichen Herzens –
des Künstlers Beruf!Auszüge aus der Rede von Anna Neumann am 2.7.2004
