Annu Koistinen - Neue Arbeiten
Auszüge aus der Rede von Jutta Saum, Kunsthistorikerin, anlässlich der Ausstellungseröffnung am 23.April 2004
Hier in Grevenbroich muss ich Ihnen die Künstlerin Annu Koistinen eigentlich gar nicht mehr vorstellen. Sie ist nicht zum ersten Mal in der Galerie Judith Dielämmer, in der sie über viele Jahre schon als Mitglied aktiv ist, mit ihren Arbeiten zu sehen.
Dennoch will ich nicht versäumen in kurzen Stichworten, wenigstens für die, die heute vielleicht zum ersten Mal dabei sind - und ich hoffe doch, es gibt neue Gesichter - die wichtigsten Stationen in Annu Koistinens Werdegang aufzulisten und damit ein wenig hinter die Person zu leuchten, deren aktuelle Arbeiten heute im Rampenlicht stehen.
Das Wichtigste also in aller Kürze: Annu Koistinen ist in Varkaus in Finnland geboren und aufgewachsen. Studiert hat sie an der Düsseldorfer Kunstakademie bei den Professoren Schiff und Grote Bildhauerei und Malerei, begleitend dazu Kunstgeschichte, Philosophie, Pädagogik und Textilgestaltung. Neben ihrer Arbeit als freie Künstlerin war sie lange Jahre als Kunsterzieherin tätig.
Annu Koistinens Kunst ist keine Kunst, die sich selbstreferentiell um sich selbst dreht, sondern Themen und Materialien bestimmen ihre Arbeit, denen die Künstlerin täglich begegnet. Sie hält die Augen offen, ist interessiert an den Dingen, die sie umgeben und nimmt sie in sehr direkter Art und Weise in ihre Bilder, Assemblagen und Plastiken auf.
Annu Koistinen lässt sich von Oberflächen und der Stofflichkeit von Materialien verführen und nimmt ihre vorgefundene Struktur zum Anlass für ihre bildnerischen Phantasien. Es kann der leere Rücken eines Malblocks sein, an dem vom Klebstoff gefangene Papierreste den Anstoß zu einer rudimentären Landschaft geben, oder die zersplitterte Rückwand einer alten Ikone, die durch ihr staubiges Alter zu einer Ödlandschaft führt.
Obwohl Annu Koistinen auch Bildhauerei studiert hat, bleiben ihre Arbeiten in erster Linie immer der Fläche verhaftet, nicht aber im engeren Sinne als Fläche, die von den Regeln des Bildes bestimmt wird, sondern mehr als Haut, die als feine Membran im Wechselspiel von Außenwelt und Innenwelt in Bewegung gerät.
Bei den langen Streifen von Luftpolstern, die sie penibel aufgereiht in Holzrahmen gespannt hat, ist es die Farbe, die die Airpads wie lebendige, atmende Körper umhüllt und die sich gegen das Sicherheit versprechende, rechteckige Raster widersetzt. Die Farbe blättert ab, zerbröselt auf der glatten Plastikoberfläche, als ob Wasser, Erde, Luft und Feuer nicht nur durch sie beschworen würden, sondern die Naturelemente selbst die Farbe abgewaschen, weggeblasen, abgeflemmt oder vergilbt hätten. Das sterile, portionierte Plastik entpuppt sich in der Bearbeitung von Annu Koistinen als unbezähmbares, unbeherrschbares Medium.
Mit einer ähnlichen Vehemenz bearbeitet sie ihre Bilder. Wischt, schabt, kratzt, schleift die Farbe, die sie in vielen verschiedenen Schichten auf den Bildträger aufbringt, wieder ab. Sie wiederholt den Prozess, bei dem sie die Inspiration für das Bild durch das Material gewinnt, arbeitet sich quasi durch das Material hindurch zum eigentlichen Bild vor. Trotz ungeplanter und spontaner Arbeitsweise, erfährt das Material stets eine Metamorphose in die Ideenwelt von Annu Koistinen.
Vieles hat seinen Ursprung in realen Szenen, ist aber verwandelt durch das Medium der Erinnerung und wird erneut abgerufen durch die sinnliche Erfahrung des Materials. Ist gefiltert, eingefärbt, selektiert und neu zusammengemischt.
Das Material ist stets der Anfang, wie ein erstes Kapitel eines Buches, dem weitere folgen, bis sich die Geschichte zum Bild verdichtet hat. Tatsächlich findet man bei Annu Koistinen, die selbst viel liest, auch literarische, poetisch Anklänge. Ein immer wiederkehrendes Repertoire von Motiven und Themenkreise lässt sich ausmachen: Paare in wechselnden Spannungszuständen zueinander, aber auch immer wieder Michelangelos David als Sinnbild der westlichen Kultur.
Annu Koistinen gestaltet Themen, die ihr begegnen, die sie am eigenen Leib erfährt oder die sie auch schon mal in den Medien findet. Für den distanzierten Umgang mit Natur findet sie in mit Frosch und Libelle bemalten aseptischen OP-Handschuhen ein Bild. Glänzende CDs formieren sich bei einer anderen Arbeit auf einem Stoffhintergrund zu tanzenden Chromosomen-Gebilden. Haare sind ein ganz persönliches Material, das ihr durch eine schwere, lebensbedrohende Krankheit quasi wie von selbst in die Hände fiel. Und dennoch scheint seine Verwendung nicht nur Zufall, sondern ist so etwas wie die Fortführung feiner Bleistiftstriche in die dritten Dimension. Ähnlich wie die aufgeplatzten, patinaartigen Oberflächen machen auch die Haarbüschel den stetigen und manchmal abrupt endenden Wandel aller Dinge deutlich.
In den Themenkreis der erinnerten Vergänglichkeit gehören auch ihre Matratzen-Objekte, in deren metallenen Spiral-Gittern sich Spuren menschlicher Zivilisation verfangen haben. Eine Schuffel, ein Pinsel, ein Wecker ohne Zeiger, ein Schloss, Leuchter und ein Hufeisen. Alles gleichmäßig von einer grauen Farbschicht überzogen, so wie am Flussufer nach dem Rückgang des Hochwassers alles mit feinem Schlamm bedeckt zu Tage tritt. Bunter und klarer ist das zweite Objekt nach ähnlichem Prinzip. Hier sind es Souvenirs von den Kindern der Künstlerin, die im feinen Netz balancieren: ein Minikarussell, eine kleiner Raabe, Schlüsselanhänger, diese und das, an dem Kinderherzen hingen - jetzt die Erinnerung der Künstlerin als Mutter.
"Der Raum ist, wie die Dinge auch, im Kopf", sagt Annu Koistinen, "ihn auf die Bildfläche zu bringen befreit". Dabei wird man selbst zum einzigen Fixpunkt und der Raum ist so weit, wie Hände greifen und Augen sehen können. Vielleicht ist gerade deshalb das Haptische, der sinnliche Eindruck von Materialien und Stoffen für Annu Koistinen von so elementarer Wichtigkeit.
Auszüge aus der Rede von ©Jutta Saum, 2004-04-20
