Christa von Seckendorff - Paarstrom
Erinnerungen an die ErinnerungEinführung in die Ausstellung PAARSTROM von Dr. Harald Leinenbach.
Guten Abend und herzlich willkommen zur Ausstellung PAARSTROM mit fotografischen Arbeiten Christa von Seckendorffs! Um Sie in die Arbeiten Christa von Seckendorffs einzuführen, werde ich Sie in den folgenden Minuten auf eine kulturgeschichtliche Fährte setzen. Dabei muss ich Sie allerdings darauf hinweisen, dass mir keinesfalls an einer kunsthistorischen Einordnung gelegen ist, vielmehr an einer Art Erinnerung.
Bei den Azteken wie in vielen, vielen anderen Kulturen, wurden ˆ zu kultischen Zwecken ˆ Masken aus den Schädeln verstorbener Verwandter hergestellt. Zunächst enthaupteten sie die Toten. Nachdem sie die Schädel ausgekocht hatten, entfernten sie das Fleisch. Dann wurde die eine Hälfte des Hinterschädels abgesägt. Die Vorderseite mit Kieferknochen und Zähnen blieb unangetastet. Schließlich ersetzten sie das Fleisch durch eine Art Erdpech und Gipsmörtel.
Im Gegensatz zu den Atzteken verwenden wir heutzutage andere Werkzeuge, um Köpfe und Gesichter verfügbar zu machen ˆ als kultische Objekte und Erinnerungsstücke. Ermöglicht wird dies durch den Siegeszug jener Maschinen zur technischen Reproduzierbarkeit, die wir Medien nennen, allen voran die Fotografie. So brauchen wir nicht mehr warten, dass unser Sujet gestorben ist, um uns ein Bild von ihm zu machen.
Fotografie als moderner Erinnerungskult, als Medium, das uns den Zugang ins Reich der Toten gewährt? ˆ Wenn immer Kunstproduktion damit zu schaffen hat, Aufklärung zu treiben, Erinnerung wachzuhalten, das Vergessen aufzuhalten, dann haben wir es bei den fotografischen Arbeiten Christa von Seckendorffs nicht zuletzt auch mit einer quasi archäologischen Spurensuche zu tun ˆ einer kreativen Selbstarchäologie der Fotografie.
Bei der Serie Paarstrom bilden von der Künstlerin selbst modellierte, kleine Skulpturen das Basismaterial, das gegenständliche Sujet, ihrer Fotografie. Erinnern diese Skulpturen ˆ in ihrer fotografischen Interpretation ˆ nicht ein bisschen an kultische Ahnenschädel, an Fetischfiguren? Ironisch sind diese Fetische in einen Dialog miteinander gesetzt worden ˆ paarweise angeordnet. Man könnte sagen: Ahnen unter sich, schweigend ins Gespräch vertieft. Worüber mögen sie sich austauschen?
Ich habe keine Antwort, aber eine Ahnung: Bei den Azteken wurde das Gesicht als Fleischmasse verstanden, die den Schädel überzieht. Diese Muskelbespannung wurde durch unverwesliche Stoffe sowie aufgemalte Mienenzüge ersetzt. Man hat den Toten glattweg das Gesicht abgezogen, um es sodann zu restaurieren. Ein kleiner Schnitt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit: Seither wurden Gesichter manipuliert und konnten auch jenseits der Körper, an denen sie einmal hingen, verwendet werden. Das Gesicht als Maske ˆ so gedachten unsere Vorfahren ihrer Ahnen, so schufen sie ihre Erinnerung.
Die Fotoarbeiten Theatershooting spielen mit dieser ˆ buchstäblichen ˆ Aufspaltung von Kopf und Gesicht: Auch hier bilden modellierte Skulpturen das gegenständliche Basismaterial. Auf sie wurden jedoch sodann, per Diaprojektion, menschliche Gesichter aufprojiziert. So erhielten die Fetische eine Maske. Und das ist letztlich fotografisch erfasst ˆ als eine Art Erinnerungen an die Erinnerung.
Eine radikale Fortsetzung dieser Aufspaltung von Kopf und Gesicht stellt die Serie Die weißen Geschwister dar: Hier ist kein Kopf, keine Skulptur, das gegenständliche Ausgangsmaterial der Fotografie, sondern ˆ jetzt wird‚s scheinbar profan ˆ der Gipsabdruck einer menschlichen Ferse. Was ist hier passiert? Hier entstehen Gesichter, die nie ein Kopf getragen hat. Selbst der Bildhintergrund, vor dem die fotogen-manipulierte Ferse erscheint, besteht aus Bildmaterial der Ferse.
Christa von Seckendorff
Ackerstr. 128
40233 Düsseldorf
Telefon: 0211 - 698 67 89
E-Mail: info@christa-von-seckendorff.de
Web: www.christa-von-seckendorff.de
