moet je oprape - 21.10.2005
Auszüge aus der Rede von Janne Gronen zur Eröffnung von moet je oprape: Wenn wir heute hier den Raum betreten, können wir das Gefühl entwickeln, als habe sich die Galerie verwandelt: aus einem Kultur-Raum in einen Kultraum vielleicht, so still, zurückhaltend und gleichzeitig fast brutal präsent ziehen uns Werner Franzens Arbeiten in ihren Bann. Unvermittelt haben wir mit ihnen zu tun und können uns nicht entziehen: schon in ihrer Materialität machen sie uns neugierig, ziehen uns an und gebieten doch auch Abstand. Wachs, Rübenkraut, karamellisierter Zucker, dazu der metallische Beiklang des Kupfers, Steine und Holz.
Die Exponate der Ausstellung stellen viele Fragen ˆ oder vielmehr, führen uns dazu, uns Fragen zu stellen.
Doch kaum kann sich eine im ersten Eindruck gefühlte Frage formulieren und ins Bewusstsein drängen, sind wir mit unserem Handeln beschäftigt. Um weiterzukommen müssen wir nämlich recht bald einen Schritt tun, die Kupferrinnen überqueren. Flexibilität ist gefordertˆ wir können nicht bleiben, wo wir sind, müssen bereit sein, voranzugehen.
Und bemerken, hoffentlich nicht zu spät, dass unsere Achtsamkeit gefordert ist. Nicht in schwarze Spiegel und stachlige Wände zu geraten...nicht kleben zu bleiben, die Schuhe zu versauen, nicht anzustoßen... irgendwie anstrengend, diese Installation...während man doch innerlich mit all diesen halb gefühlten unausgegorenen Fragen beschäftigt ist ˆ oder mit viel Anstrengung versucht, sie sich vom Leib zu halten. Das kann sich auch als Unbehagen oder Unverständnis äußern.
Fremd sind sie uns, oder seltsam vertraut, oder Teile von ihnen erkennen wir irgendwie wieder, aus alten Arbeiten von Werner Franzen, oder ˆ haben selber mal experimentiert mit dem Material, haben auch schon mal Splitter von so was in der Art gemacht oder gedacht oder verworfen oder gesehen oder gefühlt.....oder auch anders, aber im Prinzip doch irgendwie ähnlich ....wie war das mit dem Neuschnee?
Werner Franzen zeigt uns mit seinen Arbeiten etwas von den alltäglichen Gefährdungen unseres Wohlseins, den Hürden und Blockierungen des Lebens und den Möglichkeiten ihrer Überwindung. Rübenkraut, Zucker, Kupfer, Wachs und andere Materialien haben hier eine andere Dimension bekommen. Ihrer Funktion entkleidet werfen sie Fragen auf wie ≥in wen und was haben wir Vertrauen, was verwerfen wir, was verstehen wir?„
Zu lange verharren, mit Scheuklappen laufen, sich wehren gegen Neues - kleben bleiben kann man eben auch an überkommenen Traditionen und althergebrachten Glaubenssätzen.Oder auch sich weigern, neue eigene Entwicklungen zu beginnen, ≥sich aufzuraffen„, Entwicklungsdruck nachzugeben. Lieber weiter bequem sein, lebensfeindlich leben, sich und seine Umwelt belasten, wegschauen, mit nichts was zu tun haben wollen, nur sein eigenes Ding durchziehen. Dabei berühren uns die Dinge und Ideen unserer Umgebung. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Gegebenheiten formen uns ˆ und wenn wir mitmachen, uns nicht raushalten, formen wir auch sie. Und vor allem berühren uns unsere Zeitgenossen und die Menschen, mit denen wir in Kontakt sind. Hier haben wir die meisten Gestaltungsmöglichkeiten: im kleinen täglichen Miteinander entscheiden wir uns stündlich für Krieg oder Frieden, Stillstand oder Entwicklung, Liebe oder nicht.
Die Arbeiten der Ausstellung ≥Moet je oprape„ von Werner Franzen rücken in den Blick, was Menschen beschäftigt, Fragen von Menschsein und Menschbleiben in unserer Alltags- Welt. Und die Anforderungen des Miteinanders, des ≥sich Aufgreifens„, des Streitens, des Diskutierens, des Zusammenwirkens oder Auseinanderdividierens.
Was heißt das, ≥sich aufgreifen„? Es geht über das bloße ≥übernehmen„ weit hinaus, etwas nur übernommenes wird schnell hohl ˆ lebens- und entwicklungsfähig sind dagegen die Dinge, die wir weiterdenken, weitertreiben, Ideen, ≥reine Lehren„, die wir mischen und verschmelzen mit uns selbst, unseren Erfahrungen, unserer Existenz ˆ das wird etwas ganz Neues, Einzigartiges, so noch nicht Dagewesenes. Und irgendwie eben doch ˆ so sehe ich es, lieber Werner, Herr Tucholsky, - Neuschnee.
Vielen Dank.
