Axel Naß - Die Untersuchung
Einführung in die Ausstellung von Axel Naß Die Untersuchung Erster Preisträger des Kunstpreises der Galerie Judith Dielämmer. Von Anna Neumann.
Die Untersuchung heißt die seltsame Installation von Axel Naß. Eine Untersuchung dient in der Medizin einer Krankheitserkennung, im Strafrecht ist sie das Ermittlungsverfahren. Untersuchungsgefängnis, Untersuchungsausschuss des Bundestages bekannte negativ besetzte Begriffe. Aber es kann sich auch um eine Forschung handeln. Was wird hier untersucht bzw. erforscht? Haare?
Was glauben wir nicht schon alles zu wissen auf diesem haarigen Sektor! Aber das hat Tradition. Haare gelten von Alters her als Zeichen der Lebens- und Manneskraft und der Bart in der Antike als Sitz der Weisheit und des Lebens. So verlangte er respektvollen Umgang mit dem Bartträger. Zugleich war er der Inbegriff von Kraft und Männlichkeit. Religionen und die Tradition der Unterdrückung regeln auch heute noch in vielen Ländern Bartpflicht oder Bartverbot. Die alten Führer der Linken undenkbar ohne Bärte! Genau wie Fidel Castro, Che Guevara, Ho Chi Minh usw.
Der Pflege und Gestaltung von Haaren und Bärten kam oft symbolische Bedeutung zu und sie Waren Objekt magisch kultischer Handlungen. Haartrachten kennzeichneten den sozialen und persönlichen Status ihrer Träger und sind immer stärker Ausdruck sich wandelnder Einflüsse und Moden. Langes Haar zu tragen war einmal Vorrecht der Freien und der Jungfrauen oder es war nur den Herrschern vorbehalten. Haare waren sogar eine Totengabe.
Sieh Dich vor, wenn eine Frau radikal Haarfarbe oder Haarschnitt ändert! Stehen Ihnen jetzt die Haare zu Berge? Dann greifen Sie doch einfach zu einer Perücke, die haargenau zu Ihnen passt!
Oder wollen Sie sich etwa die Haare raufen?
Sie können natürlich auch selbst Haare lassen beim Frisör und dann alles haarklein der besten Freundin erzählen. Alles was man so hört beim Frisör - das ist ja bekanntlich der größte Umschlagplatz für Klatsch und Tratsch! Es soll ja Prominente geben, die können nicht leben ohne ihn, also muss er mit, der Frisör, überall hin auch wenn sie sich dafür vielleicht mit eifersüchtigen Ehepartnern in den Haaren liegen und buchstäblich Haare spalten. Aber lassen Sie sich deshalb keine grauen Haare wachsen! Hauptsache ihr Frisör krümmt Ihnen kein Haar gegen Ihren Willen! Oder hat er etwa Haare auf Zähnen und Schere?
Aber nun zur Perücke: heute ist sie oft nur noch modischer Schickschnack √ früher war sie häufig Amtstracht oder Ausdruck der Herrscherwürde. Für Axel Naß war sie Anlass und Auslöser dieser Installation. Genauer: die Perücken einer Verstorbenen, einer Krebskranken, die so vielleicht ihre Würde wahren und nicht als Todgeweihte auffallen wollte. Ihre Perücken sind Anfang und Ende der Installationen.
Am Anfang versucht ein Lichtstrahl durchzudringen durch das dichte Haargeflecht. Was sucht er? Was findet er? Am Ende wird die Perücke zum Kopffüßler, verlässt das Labor und entzieht sich der Untersuchung, lässt den Forschenden mit seinen Fragen zurück.
Weitere absurde Untersuchungen werden hier vorgenommen, die andeuten, wie endlos und vieldeutig dieses haarige, strähnige und lockige oder struppige Feld ist. Besetzt mit Vorurteilen und Aberglauben, Ängsten und verrückten Wunschvorstellungen sehen wir nicht ganz klar die passende Persönlichkeit unter diesen Frisuren, die in den erleuchteten Schaukästen zu verschlüsselten grafischen Botschaften wurden.
Hier wird der Spieß umgedreht. Der Hund trägt Menschenhaar!
Wohin aber gehen die beiden schlenkernden Perückengirls, die so neckisch ihre Mähnen schütteln? Ist ihr blecherner Tritt nicht doch makaber?
Was wird hier wirklich erforscht in diesem seltsamen Labor?
Erinnert uns der eingespannte Zopf nicht an eine grausame Folterart?
Amüsiert uns der Anblick überdimensionaler Haarwälder unter dem Lesegerät? Oder tragen wir unsere Fragen in die Haarwäscherei?
Eine Locke von Deinem Haar, ja das wär so wunderbar, wär ein kleines Stück von dem unsagbaren Glück. so ein Song von Adamo.
Die Locke als Fetisch oder als letzte Erinnerung? Was verbirgt sich unter den Locken der Geliebten? Ist es das, was wir erhoffen? Oder äfft uns nur ein koketter Lockenkopf?
Was wird bleiben von all denen, deren Haare hier untersucht werden? Nur die Locke in einem silbernen Medallion? Ist auch diese Installation letztendlich nur eine Metapher der ewigen Frage nach dem Sinn von Liebe, Leben und Tod? Zeigt sie unsere Sehnsüchte und Ängste? Was geschieht, wenn der Strom nicht mehr fließt in diesem Labor, wenn Totenstille eintritt?
Dann dürfen Sie eine Suppe essen, ob mit oder ohne Haar!
