KunstMode
Lissy Busch-Holitschke, Claudia Ehrentraut, Maria Gilges, Janne Gronen, Inge Harms, Anne-Marie Morscheck, Anna Neumann, Claudia Zeppenfeld präsentieren KunstMode.
Rede von Kunsthistorikerin Jutta Saum zur Eröffnung der Ausstellung in der Galerie Judith Dielämmer
Kunst und Mode sind seit langem Schwestern. Aber wie das bei Schwestern so ist, ist eine immer die kleinere, die im Schatten der großen steht. Mode sei kurzlebig, vorübergehend, saisonal nicht für die Ewigkeit gedacht, heißt es, und doch ist diese Schwester aus dem gleichen Fleisch und Blut wie die Kunst. Sie benutzt Farben und Formen, spielt mit Stofflichkeiten und Material, stellt Harmonie und Proportion in ihren Dienst oder missachtet sie sträflich. Mode ist alltagstauglich, ist, angewandt auf den Körper, den sie schützt, wärmt, verhüllt und schmückt. Sie ist eine Mogelpackung, weil sie die nackten Tatsachen verschleiert.
Und sie ist opportunistisch, weil sie gefallen will. Sie ist käuflich, orientiert sich am Geschmack der Zeit, aber sie ist auch machtvoll, denn sie diktiert, was in ist, wenn auch nur für eine Saison.
Ist die große Schwester ernst, so ist die kleine launisch und verspielt. Verkleidet hat sie sich schon immer gern, wechselt Rollen und Charaktere wie andere das Hemd. Sie kann konform gehen und Weltanschauungen zur Schau tragen. Und doch will sie individuell, einzigartig und unverwechselbar sein, braucht aber dazu immer Anerkennung, Respekt und Verständnis der anderen. Die Mode ist ein Phänomen, das alle Lebensbereich mit einbezieht. Die Kunst kann sich beschränken und trifft trotzdem generelle Aussagen. Aber beide haben eins gemeinsam, die Beschäftigung mit dem Körper: Die Mode gestaltet ihn fassbar, legt sich als zweite Haut darum, die Kunst verweilt in der Distanz der Betrachtung, gibt ein deutendes Bild des Körpers in der Welt, ist wahrhaftige Illusion. Jede künstlerische Äußerung ist immer an das Erscheinen eines Körpers oder einer körperlichen Eigenschaft - wie z.B. die Farbe im abstrakten Bild - geknüpft.Was diese Saison oder einen Atemzug länger an der Schnittstelle zwischen Kunst und Mode angesagt ist wird Ihnen, liebes Publikum, unser kleiner Rundgang durch die Kollektion KunstMode zeigen:
Claudia Ehrentraut und Maria Gilges verpacken praktischerweise nicht ihre Mode in Tüten, sondern gleich die Trägerin. Das lästige An- und Umkleiden, Verpacken und nach Hause Tragen entfällt. Man weiß gleich, wo und bei wem Frau gekauft hat, zu welchem Label sie sich bekennt. Hier gibst keine vorsichtige Zurückhaltung oder Understatement, hier prangen die klangvollen Namen in riesigen Lettern. Du bist, was Du trägst! Und das ist selbstverständlich nicht irgendeine Marke, sondern Hügo und Preda; Geschmack pur eben. Das Designerduo hab sich bei seiner Kollektion von der klassischen Papiertüte mit Falz inspirieren lassen. Tragekomfort garantiert robuster Filz mit griffiger Optik, den die zeitgenössische Interpretation vom verstaubten Image von Jagd und Trachten befreit.
Gold- und silberfarben glänzende Überlebensfolie ist der Stoff aus dem die Träume von Janne Gronen gewirkt sind. Mode, um ≥Gerettet zu werden,≥ nennt die Schöpferin ihre edlen Kreationen, bei denen sie Second-Hand Kleidung und bauschige Folie mit Pflastern und Leukoplaststreifen vereint. Der Körper wird als verletzlich kenntlich gemacht, der durch die Kleidung nur notdürftig, aber niemals vollständig geschützt werden kann. Innerliche Verletzungen bleiben unsichtbar und wie der Tod unvermeidbar. Selbst das Abenteuer Spinnen birgt Risiken, schon Dornröschen hatte sich an der Spindel gestochen und fiel in 100-jährigen Schlaf. Schließlich quälte sich ein Prinz durch die stachligen Rosenbüsche ihrer Erwartungen, um sie zu erlösen. Nicht alles, was glänzt, ist Gold, das wissen wir √ aber schöner Glanz ist verführerisch, und lässt uns vergessen, dass sich so nicht die eigene Haut retten lässt. Eine Mode lauwarmer Träume, aus denen man ohne Erste-Hilfe-Koffer nicht aufwachen mag.
Einfach märchenhaft die Kollektion von Anne-Marie Morscheck. Sie schwelgt in nostalgisch femininen Silhouetten, schwerelosen Volumen und kostbaren Details. Aber was wie feine Applikationen oder fragile Spitze wirkt ist nur Fake. Hier wird gelogen und gedruckt. Ein Look zwischen offensiv sinnlich und geheimnisvoll verführerisch. Begleitet von einer fulminanten Fotokampagne, die die Verlockung des Verbotenen ins rechte Licht rückt. ≥Feuer, Schere, Licht sind für Kinderhände nicht≥, lernte man durch Struwelpeter. Man weiß auch, was mit Dornröschen geschah als sie sich nicht an das Gebot der Fee hielt. Erinnerung mischt sich mit Aktualität, Nostalgie mit Moderne, Handwerk mit Technologie, Traum mit Wirklichkeit. Was ist schon echt? Schein und Sein √ nicht auch ein Thema der Mode schlechthin? Hier gekonnt umgesetzt als Liaison von gestern und heute.
Im Bereich Accessoires ist der HeldenBrustSchmuck aus dem Hause Inge Harms eine Innovation. Erstmals ist der Mann als Zielgruppe für Schmuck ins Visier genommen. Viel zu lange schon ist die edle Männerbrust unbeachtet geblieben. Dabei ist sie das Zentrum der Männlichkeit, wo sich Geist, Wollen und Energie versammeln und ruhen. Der neuartige Brustschmuck für Männer schmiegt sich an den Körper an und stärkt nachhaltig Kraft, Mut und Leidenschaft. Archaische Symbole wie Kreis, Dreieck und Spirale, die auf die schöpferische Kraft des Universums verweisen, legen sich mit sachter Eleganz schützend über das Sonnengeflecht. Metall, Stein, Seide, Leder und Leinen sind die schlichten Zutaten dieser Kollektion, die in Anlehnung an den männlichen Sinn für Sport und Spiel in uralter Knotentechnik hergestellt ist. Ein Muss- nicht nur für Segelfans.
Anna Neumann, eigentlich auf dem Sektor Handtasche zu Hause, stellt nun erstmals eine Kollektion vor, bei der die Hand eine weit gewichtigere Rolle spielt als nur die Tasche zu halten. Die unglaublich reichen Bilder der Alltagssprache, die sich um die Hand drehen, hat sie nahezu wörtlich modisch umgesetzt. Handkuss, Hand reichen, Handschlag, Hand auflegen, aber auch Hand anlegen. Die Hand ist nicht nur Bestandteil vieler Worte, sondern auch Instrument des Handelns. Anna Neumanns Mode begreift den Körper im wahrsten Sinne des Wortes. Hände legen sich wie ein stolzer Pelzkragen um den Hals oder wie ein Gürtel um die Hüften. Konsequenz auch in der Farbigkeit; man bleibt subtilen Hauttönen verpflichtet. Hannah und Susanne zeigen Ihnen live wie man die neue Hand-Kollektion zwischen Amüsement und Horror mit Grandezza trägt. Garantiert der sinnlichste Look der Saison.
Lissy Busch-Holitschke präsentiert geschützt hinter Voilebahnen einen Hauch von Nichts. Ein fragiles Gespinnst aus dünnem Silberfaden gewoben, ein Ballkleid für einen märchenhaften Moment. Ein brüchiger Kokon, aus dem der Schmetterling bereits geschlüpft ist. Schuhe die Aschenputtel auf der Treppe vergessen haben könnte. Der Traum nur einer Nacht, der ein ganzes Leben dauern sollte. Thema des Ensemble ist die Metamorphose, bei der schließlich die Mode selbst ad absurdum geführt wird. Nur zerfallene und löchrige Reste bleiben zurück. Ein typisches Beispiel für die Weiterführung antimodischer Tendenzen der 60er Jahre, die nun aber in neuem Gewand wieder auf den Laufsteg treten.
Claudia Zeppenfeld lässt sich nicht von Leidenschaft und textiler Verschwendungslust hinreißen. Ihre Mode ist pur. Einzig und allein aus feinstem Porzellan gestaltet sie Körperhüllen. Weich fallenden Stoffen zieht sie tönerne Starre vor. Kleidung wird damit zum klingenden, zerbrechlichen Störfaktor. Die reptilienartige Panzerung legt sich über den lebendigen Organismus, lässt die Körperbewegungen, die dadurch nur noch eingeschränkt möglich sind, eigentümlich mechanisch erscheinen. Die Beziehung zwischen Körper und Hülle wird in den Kreationen von Zeppenfeld zum performativen Akt, durch den das Mögliche Gestalt annimmt. Kein prêt-a-porter für jedermann, sondern experimentelle Kostüme für die Bühne.©Jutta Saum, August 2006
