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Laudatio auf Axel Nass

Johannes Schwelm am 15.1.2006

Ich kenne Axel Nass seit 15 Jahren. Wir haben uns kennen gelernt im Haus der Jugend in Neuss. Als Schreiner und Erzieher hat er die Werkstatt geleitet und die Jugendlichen betreut, die etwas Handwerkliches tun wollten. Ich selbst war damals in einer schlimmen Krise, wollte nicht mehr leben und sprach kaum noch. Axel zeigte mir das Schweißen, das mir so viel Spaß machte, dass ich nachts von meinen eigenen Schweißgeräten träumte. Etwa ein Jahr lang habe ich mit seiner Hilfe Schrottplastiken zusammen gehämmert und geschweißt. Er machte mich auch darauf aufmerksam, wenn die Gebilde, die ich stumm fabrizierte, so groß wurden, dass sie nicht mehr durch die Tür passten. Einerseits betreute er mich, andererseits wurden wir Kollegen, weil wir beide vom Kunstmachen angetrieben wurden. Axel bearbeitete damals Bretter mit der Flex. Er schnitt Figuren in das Holz, war aber nicht zufrieden und ließ es dann bleiben. ≥Dat hat keine Zukunft,„ sagte er nur irgendwann. Wir machten in der Turnhalle des Jugendzentrums eine Ausstellung, die sich jedoch niemand außer uns anschaute und deshalb hinsichtlich Anerkennung, Ruhm, Ehre und Finanzen sinn- und nutzlos war. Dass Kunstmachen also auch etwas ist, an dem man manchmal verzweifeln kann, habe ich da gelernt. ≥Ich mache Kunst für mich,„ sagt Axel. Für ihn ist es eine Art von geistiger Verdauung, die für seine Seele nicht nur gut ist, sondern lebenswichtig. Wer Künstler ist, der will nicht nur Kunst machen, der muss es auch. Axel hat 3 Kinder und arbeitet mit jugendlichen Schulschwänzern. Hinzu kommt, dass Bob, der Baumeister, ständig an seinem Haus arbeitet und auch seine Höllenmaschinen weiterbauen will. Das alles ist sehr anstrengend. Dass das Leben oft schwer geht, sieht man seiner Kunst an. Da geht es um die letzten Dinge, um Tod, Sinnlosigkeit und wie irre das alles ist, dieses verrückte Arrangement vom Werden und Vergehen und die Ahnung, dass das Ganze wohl ein Witz ist, ausgedacht vom gar nicht so lieben Gott, an den Axel nicht glaubt. Die Welt ein Lachsack. Er glaubt nur an die Würmer, wie er mir mal sagte.

In der Neusser Jahresausstellung hat er in einen kleinen Raum eine Installation gebaut. Es ist eine traumatische Szene: Die Wände sind halb zerstört, wie nach einem Granateneinschlag. Eine Maschine, die auf Knopfdruck anspringt, produziert ein, nach längerem Zuhören, nervtötendes Geräusch. Der Raum ist ganz schwarz und am Boden schimmert schwach eine Lampe, die auch noch halb verdeckt ist. In der Mitte des Raumes steht eine Hirschfigur, aus Hölzblöcken zusammengeschraubt, ein zerstörtes und behindertes Tier. Es sieht aus, als habe es einmal gekämpft und mit seinem Kupferrohrgeweih die Schäden an den Wänden angerichtet. Der Kampf ist jedenfalls vorüber, der Hirsch ist erstarrt und hat, so scheint es, für alle Zeit aufgegeben. Hinter ihm steht eine kleine Maschine, die an seinem Hintern züngelt. Eine ständige Belästigung, die das Tier auch noch über sich ergehen lassen muss. Die Atmosphäre erinnert an eine Arbeit von Joseph Beuys. Der hatte einen großen Raum ohne Fenster mit Bleiplatten ausgekleidet. Nur eine nackte, schwache Glühbirne erhellt das finstere Szenario. Der Boden, die Decke, die Wände, alles aus Blei, das ja bekanntlich vor Strahlung schützt. Die Installation hieß: ≥Zeig mir deine Wunde.„ Der Raum sollte heilsam sein. Axels Arbeit jedoch zeigt die Verletzung selbst. Ich frage mich: Was ist Schreckliches passiert, dass er so eine klaffende Wunde zeigt? Axel spricht nicht darüber, gibt allgemein kaum Auskunft über seine Arbeiten.

Axel bekommt den Preis auch deswegen, weil er über die Jahre hinweg in vielen Bereichen auf hohem Niveau gearbeitet hat. Er hat angefangen mit der Fotografie, ist übergegangen zu Objekten, dann zu Maschinen. Er fügte jeweils eine Dimension hinzu. Viel beachtet war auch seine Performance mit Nils Kemmerling in Grevenbroich, als er seinem Erftwasserverdampfer immer neue Holzstühle als Nahrung zuführen musste, die er den gemütlich sitzenden Zuschauern unterm Arsch wegriss. Wenn das Werk die Persönlichkeit, das Leben widerspiegelt, so kann man Axels Kunst anmerken, dass er in Bewegung ist, dass er sich ändert und dass er lebt. Dabei ist er begabt in allem, was man mit den Händen tun kann. Als meine demente Tante alle Türen der Wohnung abschloss, weil die Toten durch die Räume liefen, und dabei sämtliche Schlüssel verlegte, machte er mir Samstagsmorgens mit einem Stück Eisen und einem Hammer einen Dietrich. Ich habs nicht hingekriegt die Türen zu öffnen, doch die Schlüssel fanden sich wieder. Dann waren sie wieder weg. Und so weiter.

Dass Kunst Trost ist und Heilung, genauer: Der missglückende Versuch von Trost und Heilung zeigt sich in ≥Die Weinenden„. Die verkohlten Holzstücke sind das Ende von Körpern, deren Lebenslicht ausgebrannt ist. Sie erfahren Abkühlung im Wasser, der Maschinenmotor suggeriert Bewegung, Leben. Doch es gibt nur Abgestorbensein und Absurdität. Und auch wenn das so ist, ist es nicht ganz sinnlos. Der Künstler, der unglücklich ist, wird glücklich, wenn er das Unglück zeigen kann. Er lebt, wenn er den Tod anklagen kann. Und dieses Glück im Unglück ist doch Trost und Heilung.

Axels Kunst ist eine Arte Povera, eine arme Kunst, die meistens aus irgendeinem Schrotthaufen herausgezogen wird. Das Überflüssige ist das Wichtige und das, was bewundert wird, wird entwertet. Was wir sehen appelliert: Seid unangepasst. Seid traurig. Wühlt im Dreck. Habt Mitleid mit den Randfiguren.

Wer Kunst macht ist Idealist und stellt die geistigen Bedürfnisse über die materiellen. Das stößt bei vielen auf Unverständnis. Künstler sind anders und haben einen geringeren Status. Wer ernsthaft Kunst macht zahlt gesellschaftlich einen hohen Preis. Heute bekommst du zur Abwechslung mal einen Preis. Du hast lange dafür gearbeitet und ihn dir redlich verdient. Herzlichen Glückwunsch.