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Gleichgewicht

Ausstellung von Manfred Greulich-Blass und Dieter Stürmann in der Galerie Judith Dielämmer, Grevenbroich vom 29.06. - 20.07.2007

Gleichgewicht - so der Titel dieser Ausstellung. Geboren wurde er im Gespräch der beiden beteiligten Künstler Manfred Greulich-Blass und Dieter Stürmann, fast so nebenbei, doch wie geht das, ein Gleichgewicht herstellen zwischen so etwas Verletzlichem, Leichtem wie einem Ei und einer massiv eisernen, schweren Kanonenkugel? Beide Künstler kochen leidenschaftlich gern, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. So liegt es also gar nicht fern, sich auch im künstlerischen Tun mit Gegenständen des Alltags, mit Lebensmitteln, mit Eiern, mit Tier-Knochen und auch eisernen Resten unserer Kultur zu beschäftigen.

Manfred Greulich-Blass

Letzteres tut Manfred Greulich-Blass. Gebein von Tieren, Lämmern (die er meistens selber zubereitet und gegessen hat), erfahren als in Kunst verwandelt eine neue Wertschätzung. Knochen, der Rest, das Überdauernde von Säugetieren, konfrontieren uns, vielleicht mit einem leichten Schaudern, mit dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Das lassen wir normalerweise ungern zu, fühlen uns wohler beim Verdrängen. Und setzen uns damit der Gefahr aus, unsere Achtung zu verlieren vor den natürlichen Prozessen des Seins, Werden und Vergehen.

Mir scheint, wir begegnen hier auch unserer Tendenz, die Welt in Schubladen zu packen, in Kategorien von gut und schlecht, nützlich und nutzlos einzuteilen. Vielleicht eine nötige Vereinfachung in der Kompliziertheit unseres Lebens, aber eben manchmal auch zu simpel. Vielmehr müssen wir erkennen, DEN RICHTIGEN Umgang mit etwas gibt es nicht, nur mehr oder weniger funktionierende Lösungen, - und politisch korrekt sein ist eigentlich oft nur die Lust an der Beschämung der Anderen und genauso spaltend...

Manfred Greulich-Blass sammelt und hebt auch anderes auf. Findlinge, Überreste unserer Kultur, werden im neuen Kontext neu erfahrbar gemacht. Die Arbeiten scheinen uns zum Fragen stellen anzuregen:

  • Was verbirgt sich in den an Starenkästen erinnernden Kisten?
  • Habe ich den Durchblick beim Hineinschauen?
  • Schaue ich auf Fernes, Fremdes, Unbekanntes oder was erwarten mich für Sensationen?

    Eine Art Angst-Lust könnte uns erfassen, angesiedelt zwischen Neugier und Angst vor der eigenen Courage.

  • Will ich es wissen oder will ich es lieber nicht wissen?
  • Was wird sein, wenn ich einen Schritt wage, der mich zwingt, die gewohnte Sichtweise zu verlassen?

    Das ist uns fremd geworden in unserer schnellen Zeit unser eigenes widersprüchliches Fühlen zuzulassen So könnten wir uns hier anregen lassen, einmal innezuhalten und uns in die Augen zu schauen und nachzuspüren...vielleicht kommen wir dem Geheimnis unseres Fühlens, unseres Seins ein wenig näher...

    Dieter Stürmann

    Dem Geheimnis auf die Spur kommen wollen. Dazu verlocken uns auch die Arbeiten von Dieter Stürmann. Er zeigt in dieser Ausstellung Eier... Eier im Twist-off-Glas. Konserviert, aber nicht zum späteren Genuss haltbar gemacht, sondern als Malgrund künstlerisch verwandelt. Und dann in verschiedenen Substanzen eingelegt... Irgendwie kennen wir das doch, mit dem Eier bemalen, Ostereier... In der christlichen Mythologie symbolisiert das rotgefärbte Osterei das Grab Jesu. Das Ei ist hart wie ein Stein, leblos und kalt und doch beinhaltet es das Leben, ausgedrückt durch die Farbe des Blutes.
    Wer die Schale aufbricht, trifft auf den köstlichen Inhalt des Eies. Bemalte Eier haben auch die Chinesen schon vor 5.000 Jahren zum Frühlingsanfang verschenkt, es war für sie ein Symbol der Fruchtbarkeit, ebenso wie für die Ägypter und Germanen. Im Judentum stehen Eier sowohl für verhindertes Leben als auch gleichzeitig für Leben und Hoffnung, die niemals aufzugeben ist.

    Das Ei also: ein Symbol für das Leben und seinen zyklischen und fortdauernden Charakter. Hier sehen wir es in einem künstlerischen Kontext, seine Zerbrechlichkeit geschützt durch das Twist-off-Glas. Wir finden in den Blick gerückt eine in ihrer Verletzlichkeit doch vollkommene Form. Vollkommene Form und verborgener, geheimnisvoller Inhalt. In seiner künstlerischen Bearbeitung spielt Dieter Stürmann mit Möglichkeiten: von Farben, Flüssigkeiten, Konsistenzen. Und wie sie sich zueinander verhalten, ein Spiel von Durchmischung und Trennung.
    Bemalte Eier...Farben, die der Künstler in mehreren Schichten aufgetragen und weiter behandelt, teilweise überdeckt hat, erzählen von einem längeren Entstehungsprozess. Eine vielschichtige und gleichzeitig unaufdringliche Farbigkeit lassen uns etwas spüren von dem, was Geheimnisvolles ausmacht: etwas ist nicht ganz sichtbar, man könnte eher vermuten als wissen...verbirgt sich da noch mehr?

    Ihre besondere Wirkung entfalten die Arbeiten von Dieter Stürmann durch ihre Reduziertheit auf das kleine Format sozusagen und gleichzeitiger Komplexität. Sie verlangen von uns zu, näher zu kommen, um das Rätsel ihrer Tiefe zu erforschen. Zugleich aber lassen sie uns auch immer wieder einen Schritt zurücktreten, um sie als Gesamtheit erfassen zu können. Eine flüchtige Ahnung von dem, was nicht zu sehen ist, nicht direkt zu haben ist, macht neugierig: dem Geheimnis zumindest ein wenig auf die Spur zu kommen.

    Verborgenes reizt uns, wir würden gern alles erfassen, aber nicht mal nur eines oder uns selbst je ganz in allen Facetten wäre möglich - und schmerzlich stoßen wir an die Gewissheit eigener Erkenntnisgrenzen. Gemildert wird das durch einen unüberhörbaren Witz, den die Arbeiten haben, sie scheinen uns zu mahnen, uns selber zwar ernst, aber doch nicht zu schwer zu nehmen. Mir selbst rückt in dieser Ausstellung nah, dass wir zwar viel wissen wollen von den Dingen, sie uns aber damit gleichzeitig vom Leib halten. Aber das Leben bleibt flach auf diese Weise, nur wenn wir zulassen, dass die Dinge uns berühren, uns etwas kratzt, verstehen wir sie und in der Auseinandersetzung mit ihnen etwas von den geheimnisvollen Tiefen und Höhen unserer Existenz...

    Wie bringt man eine Kanonenkugel und ein Ei ins Gleichgewicht? Von uns selbst her gedacht, wie finden wir einen Ausgleich zwischen Tun und Lassen, Freude und Schmerz...?Vielleicht, indem wir statt allzu viel erzwingen wollen uns wieder dem natürlichen Rhythmus des Seins anvertrauen, uns statt der ganzen aufgeregten Anstrengungen lieber mit Geduld und Gelassenheit dem Rhythmus von Werden und Vergehen, Ruhen und Handeln überlassen ... uns wieder Zeit zum Leben nehmen, Mühe ertragen, ein 5-Gänge-Menü kochen und verspeisen, Löcher in die Luft gucken. Über die ungelösten Menschheitsprobleme - und über Kunst - nachsinnen, diskutieren, streiten. Und dabei keinesfalls den Humor verlieren...

    Vielen Dank.

    © Janne Gronen, 2007