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Laudatio Katharina Brenner

Laudatio anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Galerie DieLämmer am 21. Januar 2007

Selten ist mir eine Rede zu formulieren schwerer gefallen. Eine Laudatio zumal, also keine Rede zur Eröffnung einer Ausstellung, und in Abwesenheit der Künstlerin, Katharina Brenner, die sterbenskrank ist.
In meiner Not habe ich im Fremdwörterlexikon nachgeschlagen, was eine Laudatio eigentlich ist: eine Rede, so steht dort zu lesen, anlässlich einer Preisverleihung, in der die Leistungen und Verdienste des Preisträgers hervorgehoben werden. Ich habe die heutige Preisträgerin Katharina Brenner vor etwa zehn Jahren kennen gelernt, Anlass war, wenn ich mich recht erinnere, ein Artikel, den ich im Auftrag der Rheinischen Post über sie schreiben sollte. Und wie es manchmal, allerdings eher selten, geschieht, entstand an diesem Abend so etwas wie eine Freundschaft. Von Anfang an war ich beeindruckt von Katharinas künstlerischer und auch persönlicher Eigenständigkeit, von ihrer Autonomie und Unabhängigkeit, von ihrer Konzentration, von ihrer Fähigkeit, ernsthafte und aufrichtige Gespräche zu führen, von ihrem Witz und ihrer Nachdenklichkeit und von ihrem beruhigten Lebens- und Aktionstempo, das ich vielleicht vor allem deshalb bewunderte, weil ich selbst ein ungesund hohes Tempo vorlege.
Wenn im Rahmen einer Laudatio Leistungen und Verdienste benannt werden sollen, dürfen auch private Leistungen und Verdienste nicht unerwähnt bleiben: Katharina und ich haben viele Ausstellungen in Museen und Galerien gemeinsam besucht, manches Glas Wein getrunken, manche Gespräche über Kunst, Künstler, Bücher, die Liebe, die Männer, die Frauen und das Leben geführt. Dabei haben diese Gespräche meinen Blick auf Kunst, Künstler, Bücher, die Liebe, die Männer, die Frauen und das Leben verändert.
Vor allem den auf Bilder. Als Zeichnerin und Malerin hat Katharina einen anderen, einen verschärften Blick, der mich aufmerksam gemacht hat auf Linien in der Physiognomie des Menschen, auf Farbwahl, auf kompositorische Details. So etwas lernt man in keinem Buch und selten in einer Vorlesung. Katharinas eigene künstlerische Arbeiten haben mich von Anfang an überzeugt. Sie hat einen besonderen Zugang zur und Umgang mit der Bilderflut unseres Alltags, einer Bilderflut, die ungezählte Anlässe zur künstlerischen Umsetzung bietet. Das heißt, es ist nicht unbedingt das Außergewöhnliche, das Singuläre, das Spezielle, was sie künstlerisch umsetzt, was sie zu einem Kunstobjekt macht. Sondern das Alltägliche, das Normale, das schon hunderte Male Gesehene. Bilder aus dem Fernsehen, den Zeitungen und Illustrierten, von Plakatwänden, Bildern von Künstlerkollegen, Eindrücke von Menschen, Häusern, Wohnungen, Straßen, das Feld, die Wolken. Durch den gezielten und veränderten Blick des Künstlers wird dem Laien ja manches Altbekannte neu gezeigt, vielleicht verfremdet, auf jeden Fall ästhetisiert und mit neuer Bedeutung versehen. Es ist also diese sie umgebende Realität, die Katharinas Ausgangspunkt ist, die sie einbezieht in ihre Arbeiten.
Sie macht Fotografien mit der Polaroidkamera, in denen sie mit Nah- und Fernsicht, mit Schärfe und Unschärfe spielt. Ein ungewöhnliches und soweit ich weiß nicht so häufig durchgeführtes Verfahren beginnt sie nach dem Fotografieren: Die Fotos werden in ihre verschiedenen Schichten zerlegt und überarbeitet: malerisch, zeichnerisch. Dabei werden die altbekannten Realitäten in Frage gestellt und von der inneren Realität der Künstlerin überlagert. Welten treffen aufeinander, setzten sich mit einander auseinander. In den Polaroids taucht als Element der Überarbeitung bereits der Druckstock auf, der einen besonderen Stellenwert in Katharinas Arbeiten einnimmt. Mit alten Druckstöcken bedruckt sie reizvolle Tapetenbahnen, stellt eine Monotonie der regelmäßig wiederkehrenden Motive her und durchbricht sie gleichzeitig, indem sie freie Malerei- und Zeichnungselemente einfügt. Das eigentlich Bürgerliche und das Biedere dieser Druckstöcke bzw. der damit verbundenen Muster auf den Stoffen und Tapeten der 1950er Jahre wird damit Augen zwinkernd zitiert und zugleich persifliert, weil auf die Spitze getrieben.
Innovativ sind auch die Präsentationsformen ihrer künstlerischen Arbeiten: da gibt es natürlich die Zimmer hohen Tapetenbahnen, die vor einigen Jahren eine ganze Wandseite einer Mönchengladbacher Galerie füllte, ausgerechnet in einem Haus aus den 1950er Jahren: ein herrliches Aufeinandertreffen! Die Polaroidfotografien sind zum Teil auf Folien gedruckt eine hoch ästhetische Präsentation fast unmöglich, für sie an einer normalen Wohnzimmerwand eine vernünftige und der Arbeit gerecht werdende Hängemöglichkeit zu finden! Dann gibt es die Arbeiten, die an Holzobjekten aufgebracht sind und in unterschiedlicher Weise angebracht in den Raum hinein ragen. Die Postkartenserie Grüße an Kasimir, in denen Katharina das Schwarze Kreuz von Malewitsch überarbeit, waren in an mehreren nebeneinander installierten Stahlseilen quer durch einen Ausstellungsraum aufgehängt.
Katharina Brenner ist ihren eigenständigen und von mainstreams und Meinungsmachern unabhängigen künstlerischen Weg gegangen und dafür und für die Fülle an faszinierenden Arbeiten gebührt ihr dieser Preis.

Ein Letztes: Ich habe so manches gelernt von dieser Preisträgerin. Davon habe ich Ihnen erzählt.

In einem der letzten Gespräche lernte ich eine unerwartete Lektion: wie es möglich ist, gelassen über den Tod zu sprechen und auf ihn zuzugehen.

© Sigrid Blomen-Radermacher
Es gilt das gesprochene Wort.