Mischmasch Animalisch
Manfred Greulich-Blass und Gereon Riedel - Mischmasch Animalisch
11.7. - 1.8.2008
Manfred Greulich-Blass und Gereon Riedel sind beide ErFinder. Sie er-finden bzw. sammeln mit sicherem kreativem Gespür und technischem Verstand, Relikte, die sie sich bereits beim Entdecken wieder in einen neuen künstlerischen Zusammenhang denken. Manchmal kommt auch der Zufall zu Hilfe. Es drängen sich spätere KunstBestimmungen geradezu auf.
Man könnte sagen, das Material hat gesprochen. Ihre Arbeiten bestehen aus "objet trouvets", die sie sensibel bis kraftvoll bearbeiten bzw. zusammenfügen.
Diese Fundstücke werden so dem ewigen Vergessen aus Schutt, Müll, Abrisshäusern, von verlassenen Friedhöfen, der Straße, unbehauster Landschaft etc. entrissen.Ihre ursprüngliche Funktion lässt sich z.B. bei ehemaligen Gebrauchsgegenständen, technischen oder baulichen Fragmenten- oft noch ziemlich präzise rekonstruieren. Eine ganze Welt hängt an einem kleinen Fragment. Die Dinge teilen uns zu uns ihre ureigenste Emblematik mehr oder weniger verschlüsselt mit. Wir denken, je nach allgemeiner oder persönlicher Erfahrung, bestimmte Sinnhaftigkeiten in sie hinein.
Assoziation oder frühere Funktion geben zT. den Impuls, etwas ganz Neues daraus zu erstellen und einer verlorenen Wirklichkeit wieder habhaft zu werden. Eine Utopie. Dabei spielt u.a. archetypisches Denken und auch Aleatorisches d.h. Zufälliges eine Rolle.
Würden wir die gefundenen Dinge "so" belassen und auf einen Sockel stellen, verwandelten sie sich dann unversehens in Kunst ?
Warum eigentlich nicht? Kann die Ver/Bearbeitung einem solchen Gegenstand sogar schaden? Dass, was man im Rheinland bezeichnenderweise "Verschengelieren" nennt. Es kann..... Der Grat zum verniedlichten Design kann sehr schmal sein. Dennoch- dies könnte durch entsprechende absichtsvolle (oder auch unbeabsichtigt) Ironie- ggf. wieder teilweise aufgehoben werden.
Wer will die Grenzen festlegen? Es sei denn, die neue Erscheinungsform verstößt "gegen alle künstlerischen Kriterien". Nun hat auch diese KriteriendenkungsArt kurioserweise wiederum etwas konventionell-spießiges Hemmendes. Authentizität ist angesagt. Ängstlichkeit fehl am Platz.. Auch wenn´s schon mal etwas weh tut. Hier sind mit sehr viel künstlerischer Sensibilität, zuweilen auch -Brutalität..(sakrales Flugobjekt) und technischem know how die Dinge wieder einem neuen Kontext zu ohne heile Welt-Schein zusammengefügt.. Absichtsvoll für den täglichen Gebrauch- aus dem sie stammten, wurden sie jetzt hierfür gänzlich ungeeignet gemacht.
Die Titel sind verschlüsselt bis schmerzhaft direkt. Oft nichts für zarte Kunstseelchen. Es macht nicht den Eindruck, dass die Ausstellenden ständig mit einem Auge auf künstlerischen Erfolg und daraus resultierenden monetären Einkünften schielen, welches man getrost als "Kunstgift" bezeichnen kann.
Die Arbeiten sind oft einer bestimmten Örtlichkeit, einer Person bzw. einem geliebten Wesen gewidmet. Dabei wird zuweilen mächtig tief und genauso originell in die EAT-ART-Kiste gegriffen. Daniel Spoerrie, der Erfinder der EAT-ART in den 60er Jahren, grüßt schmunzelnd. Der letzte Allgäuer Grenzgänger (Waller II) bekommt sein Denkmal aus Gleisankerplatte und Bremsscheibe- verschweißt durch Baustahl. Ganz schwer und erdverbunden. Der so "Bewidmete" hätte sich geehrt gefühlt.
Sepulkrales zB. -ein sakrales Flugobjekt- hat selbstverständlich seinen Platz neben technisch raffiniert stabil schwer- Verschweißtem (bei Manfred Greulich-Blass) Eher grazil, verspielt und elegant, fast durchsichtig scheinen die Arbeiten von Gereon Riedel. Die oft "naturbelassenen", dem Verfall preisgegebenen Dinge sind längst abgelegt. Sie dienen zwar keinem praktischen oder wirtschaftlichen Interesse mehr, jedoch regen sie in einen neuen Zusammenhang gebracht, unsere Phantasie zuweilen mächtig an:
"Ausrangierte" Grabplatten z.B. teilen noch immer, wie zum Zeitpunkt der Entstehung, Trauer mit. Auch in der Verkunstung verströmen die vielen Hasenteile (Pfoten, Kopf, Schwänze) für mich zumindest- immer noch ein Gruseln, vom Tier aus gesehen.
Eine destruktive Harmonie, wenn es das überhaupt gibt..... Scheinheiliges absurdes verkörpert der Flügelaltar. In ihm sind friedlich-sakral; ästhetisch künstlerisch anspruchsvoll Tierteile, die man sonst bei der Nahrungszubereitung als nicht eßbar einstuft und in den Müll wirft vereint; mit einem immer noch zumindest in der Vorstellung leckeren Kochrezept des Apicius (Römisches Kochbuch) vereint. Ebenso nicht literarische, sondern echte Gänsefüße und haushälterische Empfehlungen (Hört auf meinen Rat: Eßt mehr Salat).
Spätestens jetzt ahnt man, was mit Mischmasch Animalisch gemeint ist.
Inge Broska, Hochstraße 39, 41363 Hochneukirch/Jüchen
