Appelkitsch 2008 für Angelika March-Rintelen
Die Laudation von Anna Neumann:
Liebe Gäste, liebe Galeristen, liebe Neugierige, liebe Preisträgerin,
hier wird heute der Kunstpreis der Galerie Judith Dielämmer verliehen und da will man doch wissen, ob sie den Preis wert ist, diese Künstlerin. Ich sage dazu,unbedingt, und diese Überzeugung will ich Ihnen auch vermitteln.
Angelika M. R., kurz AMR, ist eine Künstlerin, die ganz viele unterschiedliche Bereiche ausgelotet hat. Ihre Biografie lässt das erahnen:
- Sie wurde in Neuss geboren
- studierte Kunst in Münster, mit abschließendem Staatsexamen
- wurde Meisterschülerin von Prof. Timm Ulrichs
- studierte dann Biologie abschließendem Staatsexamen
- war Gaststudentin im Fach Philosophie
- besuchte später Modefachschulen in Düsseldorf und München
- lebt und arbeitet heute wieder in Neuss
- seit Anfang 1981 stellt sie aus, macht Performances, inszeniert Begräbnisse oder sich selbst
Sie ist eine Grenzgängerin, eine Seiltänzerin, die in keine Schublade passen will. Malerei war der Anfang, dann entdeckte sie durch Prof. Ulrichs die Objektkunst und damit waren die Weichen gestellt. Leben und Kunst sind für AMR eine Einheit und jede Kunst sei biografisch. ≥Alles was ich anfasse, wird irgendwann zu Kunst!≥ sagt sie und fügt hinzu: &mein Schwerpunkt liegt nicht auf dem Suchen, sondern auf dem Finden. Genau das war auch die Haltung von Pablo Picasso.
So wurde sie später zur findenden Naturschützerin.
Dazu teilt die Westfälische Rundschau mit:
Der Waldboden hängt an der Galeriewand.
Und die Siegener Zeitung:
Natur und Mystik umgesetzt in Naturkunst. AMR zeigt Installationen und Assemblagen mit herbalen Objekten, sachlich präsentiert und etikettiert.
Im Dezember 1986 erregt sie Aufsehen mit einem Bauchladen, in dem sie Blut- und Tränenbilder, Schluck- und Hauchbilder feilbietet.
Zitat eines Verses von AMR:
Ich habe Tränen geweint,
Blut vergossen,
mein Haar beschnitten,
Küsse verteilt.
Alles habe ich festgehalten
und trage es zu Markte.
1988 beeindruckt ihr Environment Lust und Vergänglichkeit Sie selbst als illuminierte Nachbildung einer Reifrock-Puppenlampe
mit Puppenlampe, zwei alten Grabschmuckkränzen und kniendem Greis.Ein einzelner Märzenbecher wird im gläsernen Schrein präsentiert. Aus Konservierung wird Mumifizierung, aus der Aufbewahrung eine Aufbahrung≥
So inszenierte sie Begräbnisse, schaffte Sekundärreliquien und Berührungsreliquien mit unglaublichem Geschick als Balanceakt zwischen Kunst und Kitsch, Humor und Ironie, zwischen Nostalgie und Melancholie.
AMR verbindet in ihren Arbeiten Liebe und Tod, Blut, Schweiß und Tränen, Stoffliches und Ätherisches, Himmel und Erde. Sie versucht, ganz persönliche Erfahrungen in eine traditionelle, spirituelle Ordnung einzubinden und macht so den ursprünglichen Zusammenhang von Kunst und Religion wieder deutlich.
Zur Verwirklichung ihrer ≥ganz persönlichen Kunst≥ benutzt sie verschiedene Techniken. Sie malt und konserviert, sie stickt Worte und sticht Nadelbildchen. Ebenso wichtig ist ein reichhaltiger Fundus, in dem sich die wundersamsten Dinge finden: Heilpflanzen und Grabschmuck, alte Margarine-Figürchen und Heiligenbildchen, Knochen und nostalgische Süßigkeiten.
Was ist ihr wichtig neben Natur und Religion, Aufbewahren und Aufbahren? Es ist die Stille, die sie braucht für ihre Arbeit, die Stille, die vertraute Geräusche aus der Kindheit laut werden lässt. Die aus- und einsetzenden Geräusche der fußbetriebenen Maschine, das Schneidegeräusch der großen Schere. Es ist die Nähmaschine der Großmutter, an der sie heute noch arbeitet als Papierschneiderin!
Professionelle Handwerkskunst, Handarbeiten, ≥das Hand anlegen≥ üben so eine heftige Faszination aus, dass sie das Schneiderhandwerk erlernt. Doch nicht um Kleidung im landläufigen Sinne herzustellen. Im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit stehen die Mühen der Vergeblichkeit, die nie √ trotz professioneller Schneiderkunst √ zu wärmenden Hüllen führen, statt dessen schafft sie halbe Menschen, verwundbar, ergänzungsbedürftig. ≥Das schmerzliche des Menschseins entspringt seiner Halbheit≥. Ihre Arbeiten sind Metaphern √ versuchen im Sichtbaren das Unsichtbare zu entdecken, sind abwesende Körper im anwesenden Kleid √ Konfrontation mit Leben und Tod.
Papier, Seidenpapier und Vlies für Teebeutel, atmend und durchlässig, fragil und von gebrochenem unschuldigem Weiß wird zum wichtigsten Material. Papier, das schon seit Jahrhunderten wichtigster Informationsträger für die Menschheit ist. Auch bei der Papierschneiderin ist das Arsenal der Natur Quelle ihrer Inspiration, d. h. aus Blatt und Blütenformen werden Kleidungsstücke, genauer Papierskulpturen als Miniaturen. Und aus diesen Miniaturschnittformen scheinen wiederum unter Glas, eingesperrte aufgespießte Insekten und Schmetterlinge zu werden.
Ihre fragilen Hüllen und Objekte sind äußerst verletzliche Gebilde, Sinnbilder der Vergänglichkeit wie der Metamorphose, nostalgisch präsentiert wie die wissenschaftliche Sammlung einer längst vergangenen Zeit. Da schwingt eine leise Melancholie mit wenn uns AMR mit unendlicher Poesie mitnimmt auf ihre Suche nach der vergangenen Zeit. Wir tauchen ein in ihren Kosmos und Mikrokosmos mit ehrfürchtigem Staunen und begreifen wie sie, dass die Natur alles ist und beinhaltet und wir nur sehen und finden müssen.
Aber keine Angst, es fehlt AMR nicht an Heiterkeit, tiefgründigem Humor und einem Faible für Wortspiele: so spricht sie bei ihren Arbeiten von angewandeter Kunst und meint augenzwinkernd: Es gibt immer etwas Neues einzufädeln!
Ich bin sicher, das wird sie weiterhin tun auf die ihr eigene poetische und sehr feminine Art.
Wenn Sie nun ganz neugierig sind auf AMR und ihren Kosmos dann besuchen Sie doch ihre aktuelle Ausstellung, hier am Freitag, den 25. Februar um 20:00 Uhr.
