Büro Gregor Samsa
Einführende Worte von Anna Neumann zur Eröffnung der Ausstellung Büro Gregor Samsa, Jan Beumelburg am 8. Mai 2009 in der Galerie Judith Dielämmer, GrevenbroichLiebe Gäste, liebe Freunde, Sie wurden vorgeladen, so wie im Januar versprochen - auf dem Dienstweg - und zwar ins Büro des Gregor Samsa! Ah ja, da haben Sie sich natürlich gleich eine Aktennotiz gemacht, um auch ganz pünktlich zu sein.
Gregor Samsa , das ist der Held in Franz Kafkas berühmter Parabel Die Verwandlung Er ist jener Mann, der nach unruhiger Nacht als riesiger Käfer erwacht. Dabei ist seine Verwandlung die Katastrophe des Einzelnen, Isolierten, der untergeht, während das Leben weiter fließt und die Welt ihre Ordnung behält. Oh, mein Gott, werden Sie vielleicht denken, das ist ja schauderhaft! Wo bleibt da die Magie, der Zauber einer märchenhaften Verwandlung?
Nun √ Kafka erschuf eigentlich Antimärchen, wobei er das Märchenhafte ins Absurde, Widersinnige verwandelte. Für seine Helden gibt es keinen Ausweg aus existenzieller Verunsicherung und Angst.
Und vielleicht ist es diese Unsicherheit, die unser Denken darauf ausrichtet Ordnungen herzustellen, zu klassifizieren, zu vermessen. Wir beschäftigen ganze Heere von Beamten und Bürokraten in dem Glauben, so das Leben erfassbar zu machen, die wirklich relevanten Dinge vom unnützen Müll trennen zu können. Jan Beumelburg hat einen Ausweg, natürlich einen ganz und gar kreativen! Er verwendet gerade diese Abfallprodukte -offensichtlich mit kindlicher Freude - lässt sie z.B. zu Käferwesen mutieren, unterwirft sie einem absurden Ordnungssystem.
Und so verhilft er uns zu Einsichten in die Baupläne des Lebens, die Konstruktionsmechanismen alles Lebendigen, denen immer eines gemeinsam ist: der ständige Wandel. Uns so entfaltet Jan Beumelburg hier für uns einen ganz wundersamen magischen Reigen von grotesken Objekten, absurden Photos, paradoxen Zeichnungen und bizarren Collagen.
Er führt uns zurück in die Zeit, als wir den Märchen glaubten, als nachts der kleine Zinnsoldat und seine angebetete Papiertänzerin lebendig wurden. Als es für uns keine Grenze zwischen Realem und Irrealem gab. Aber gibt es sie denn überhaup, diese Grenze? Schafft nicht gerade die Kunst immer neue Realitäten? Enttwickelt sie nicht ganz spielerisch aus Fehlerhaftem, aus dem Scheitern wirklich Neuartiges?
Jedes Sichtbare verdeckt etwas anderes Sichtbares behauptet René Magritte. Es ist, wen wundert das wirklich? -ein Lieblingszitat von Jan Beumelburg, der in seinem Werk immer wieder verdeutlicht, welche Geheimnisse hinter dem Banalem, Sichtbarem liegen, das uns den Blick auf das Dahinterliegende versperrt.
Er zaubert für uns. Die Dinge verwandeln sich in etwas anderes, ohne dass sie ihre eigentliche Identität verlieren. Durch seinen magischen Spiegel erkennen wir, wie viele verschiedene Möglichkeiten in einem Ding stecken. So sammelt Jan Beumelburg z.B. akribisch typische Behördenstempel und führt ihren eigentlichen administrativen Einsatz ad absurdum.
Oder er zelebriert genüsslich auf angeschimmelten Rezepturkarteikarten für Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung Teil II seine abstrusen Assoziationen in Form von Aktzeichnungen, Aquarellen oder anderen visuellen Kommentaren. Dabei bindet er die vorgegebene, vergilbte Farbigkeit mit ein, ebenso wie ganze Textstücke aus den Rezepten für die Werksküche der DDR und garniert alles mit absurden Imperativen.
Schon in der Laudatio im Januar habe ich gefragt, wer oder was er denn nun ist, dieser Jan Beumelburg. Jetzt in Anbetracht dieser genialen Exponate, glaube ich zu wissen: er ist in erster Linie ein Spielender, der homo ludens par excellence und ein akribisch Suchender. Er spürt die Paradoxa in unserem Sprachgebrauch mit untrüglichem Instinkt auf, bringt sie zur Strecke und führt sie uns aufbereitet á la Beumelburg wieder vor. Er spielt mit scheinbar festgelegten, unverfänglichen sprachlichen Begriffen und verdeutlicht ihre absurde Ambivalenz. Nichts bleibt, wie es und schien, wenn er sich dessen annimmt.
Neues entsteht nicht durch den Intellekt - sondern vielmehr durch den Spieltrieb. Was hier bewiesen wird.
Hat man vielleicht mit leichter Irritation die Einladungskarte betrachtet und sich mit einem gewissen Schauder an Kafkas Verwandlung erinnert; so fühlt man sich gerade zu befreit angesichts der Beumelburgschen Wandlungen. Es ist diese Heiterkeit, die den Exponaten innewohnt, die geprägt sind vom Humor des Jan Beumelburgs und etwas verströmen von seinem begeisterten Tun.
Seht her, dass ist es, was uns die Unzulänglichkeiten des Lebens erträglich macht: der Humor und die nie versiegende Freude am Spiel. So genieße ich es irritiert, amüsiert und begeistert zu sein und verneige mich vor diesem großartigen Werk. Ich hoffe, ich konnte Ihnen von diesem Gefühl genug vermitteln. So viel, dass Sie später beschwingt den Heimweg antreten und morgen die banalsten Dinge ganz liebevoll und aufmerksam betrachten, um ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Marcel Proust sagte dazu: Vielleicht beziehen die Dinge um uns ihre Unbeweglichkeit nur aus unserer Gewissheit, dass sie es sind aus der Starrheit des Denkens, mit der wir ihnen begegnen. Na denn, bleiben Sie einfach locker und lassen ab und zu den Kobold ans Licht, so wie Jan Beumelburg.
Bringen Sie endlich wieder Leben in Ihre Ordnung!
Anna Neumann, Grevenbroich 8. Mai 2009
