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Hanne Horn begegnet Sighild Simon

Einführende Worte von Anna Neumann zur Eröffnung der Ausstellung Hanne Horn begegnet Sighild Simon
am 12. Juni 2009 in der Galerie Judith Dielämmer, Grevenbroich

Liebe Gäste, liebe Freunde, Hanne Horn begegnet Sighild Simon - man begegnet sich mit Respekt - man begegnet sich auf Augenhöhe Was begegnet mir? - ein Raum, in dem kostbar transparente Farben wie Halbedelsteine funkeln - ein Raum, in dem zahlreiche Augenpaare mich suggestiv fordernd beobachten. - Ein Raum, in dem das lichte Grün von Frühlingsgärten aufleuchtet - Ein Raum, in dem ich urbane Lebensspuren auf alten Plakatbrettern entdecke - Ein Raum, in dem Rottöne wie versprenkeltes Magma aufflackern - Ein Raum, in dem sich zwei ganz unterschiedliche Künstlerinnen begegnen. - Ein Raum, in dem ich viele Gemeinsamkeiten in ihren Exponaten entdecke.

Aber zunächst eine kleine Recherche über das Gesicht. Das Gesicht ist über die Vielfalt der Muskeln ein zentraler Bestandteil unserer Körpersprache. Viele Erfahrungen hinterlassen hier ihre Spuren und erhöhen somit seine Bedeutung als kommunikatives Instrument. Gesichtsausdruck und Mimik werden sogar in ihrer Funktion als Informationsträger der Schrift gleichgesetzt.

≥Der Körper ist der Handschuh der Seele≥ sagt ein weltberühmter Pantomime. Wie viel mehr davon glauben wir im Gesicht als Seelenlandschaft zu erkennen. Die unglaubliche Bedeutung, die wir dem Gesicht beimessen, wird verdeutlicht durch die Verankerung in unserem Sprachgebrauch. - große Politiker prägen das Gesicht der Zeit - wir verabscheuen gesichtslose Innenstädte - alles auf der Welt hat ein zweites Gesicht - mancher gewinnt, wenn er sein Gesicht verliert - eine Demütigung ist ein Schlag ins Gesicht - wir schauen der Gefahr ins Gesicht

Die großen Gesichter der Hanne Horn schauen uns ins Gesicht. Ihre Augen begegnen unseren: suggestiv, fordernd, nachdenklich, fröhlich. Es sind die Augen junger und alter, männlicher und weiblicher Menschen.

Spiegeln sie das, was wir Seele nennen? Sie sind auf jeden Fall Informationsträger, aber Hanne Horn fügt noch etwas hinzu: - scheinbar zufällige Wortfetzen, wie Reste eines Plakates - Stoffe, die wie Tapetenreste, an ein häusliches Umfeld erinnern. Sie arrangiert ein wechselvolles Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien in raffinierten Schichtungen und Überlagerungen auf alten Brettern, die die Spuren des Lebens tragen, wie manche der Gesichter. An alte, mehrfach überklebte Plakatwände erinnert ihre große Photoinstallation. Auf ähnlichen Brettern begegnen uns Gesichter, wie verwitterte Relikte auf Litfaßsäulen, die ursprünglich vielleicht zum Tanz in den Mai oder anderer Kurzweil einladen. Auch die 3. Dimension erobert Hanne Horn mit ihren Portraits: ich nenne sie Päckchengesichter. Egal wo man sie hinlegt √ sie werden unseren Blick einfangen.

Nun zu Sighild Simon, einer Künstlerin, die sich zur Farbe bekennt. Farbe ist Ausdruck, ist Gefühl, ist Entwicklung. Farblandschaft , Seelenlandschaft. Sighild Simon bekennt sich auch zur Ordnung. Aber doch nicht als Künstlerin! Das beraubt mich ja aller Illusion von Genie und Chaos etc.

Ich habe dazu ein faszinierendes Statement von Heinrich Böll entdeckt: Chaos ist ja nur der Traum derer, denen ihre eigene Ordentlichkeit zum Hals heraushängt und die nicht ahnen wie viel Ordnungsarbeit ein Roman, ein Gemälde (oder natürlich auch eine Photographie) voraussetzt, eine Ordnungsarbeit, die nicht immer auf einem ordentlich aufgeräumten Schreibtisch sichtbar wird. Soweit Heinrich Böll.

Sighild Simon komponiert ihre Bilder sehr genau, sie spricht von einem Bildgerüst als Ausgangspunkt. Gerüste werden zu Bildreihen wie bei Hanne Horn.

Lichte Räume≥ sind die Bühne für ein faszinierendes Spiel von Linien, Flächen, Strukturen und Überlagerungen. Transparente asketische Farben und winterliche Strukturen scheinen unter großformativen Glasscherben zu liegen. Aber geanu wie bei Hanne Horn ist es auch hier ein wechselvolles Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien und Schichtungen. Blautöne dominieren: blauzarte, winterliche Transparenz, blaues Sommerlicht zwischen lichtem Grün. Blau, die Farbe der Dämmerung und der Schatten, ebenso die Farbe der Leichtigkeit, des Schwebenden das Imaginären, der Tiefe und der Ferne.

Sighild Simons Metamorphosen √ da zeigt Farbe Entwicklung kontrastiert Werden und Vergehen. In der Reihe Erna, einer Hommage an eine faszinierende Frau, wird die Nähe zu Hanne Horn ganz deutlich. Auch hier finden wir Porträits in ganz unterschiedlichen Techniken, ergänzt mit den bevorzugten Stoffmustern der Verstorbenen sowie historischen Photographien, Reminiszenz an die verlorene Zeit und ein kleine, elegante Parfümerie.

Sieghild begegnet Hanne. Auch in ihrer Reihe Soldatinnen. Erinnerung an den Mauerfall, wichtig für Sighild Simon, die im Osten aufwuchs. Aber diese Soldatinnen begegnen unserem neugierigen Blick ganz im Verborgenen, wie versteckt hinter Bunkermauern bzw. Mauerresten überlagert von farbigen Schleiern der Vergangenheit.

Es gibt noch eine Gemeinsamkeit: die Verwendung der Schrift. Hanne Horn zelebriert das ganz offensichtlich. Sighild Simon mehr im Verborgenen √ aber suchen Sie selbst danach!

Und beide Künstlerlinnen sind politische Menschen, spiegeln in ihren Werken auch ihre ganz spezielle Wahrnehmung unserer Zeit, das was sich verändert und das was bleibt.

Was bleibt für den Betrachter? Vielleicht die Erkenntnis, das Kunst und Ordnung sich nicht ausschließen, sondern geradezu bedingen. Ordnung ist sichtbar gemachte Intelligenzhat ein kluger Zeitgenosse behauptet. Begegnen Sie nun diesen wunderbaren Exponaten ganz neugierig und unbefangen. Ich lege ihnen ausdrücklich die Sonderedition für je 25 Euro ans Herz. Wer weiß, was Sie da noch entdecken. Ich werde mich immer erinnern an das blauzarte Licht zwischen suggestiven Augenpaaren.

Anna Neumann, Grevenbroich 12. Juni 2009