Eröffnungsrede Drei und 20 - von Anna Neumann
Liebe Kunstfreunde, liebe Neugierige,ich begrüße Sie ganz herzlich zu dieser interessanten Ausstellung "Drei und 20".
Das bedeutet: Katharina Lichtenscheidt, Werner Franzen und Uwe Dressler stellen nach 20 Jahren erneut gemeinsam aus. 20 Jahre, das ist ein enormer Zeitraum, den man hier am linken Niederrhein lakonisch mit : "verdammp lang her" umschreibt.

Uwe Dressler, der so viele unterschiedliche Ausdrucksformen beherrscht, hat sich diesmal ganz auf die Photografie beschränkt. Er dokumentiert hier Musiker regionaler Bands aus seinem Freundeskreis bei Auftritten und Proben und bezieht dabei auch das Publikum mit ein. Im Zentrum stehen die Dötzdorf Allstars aus Rommerskirchen, des weiteren Mitglieder der Bands roomtomove und den Party Animals aus Grevenbroich sowie den
B-Vox aus Mönchengladbach.
Wir sehen große Portraits, Gesichter, ganz im Bann der Musik. Gesichtslandschaften bzw. Seelenlandschaften - das ist neu bei Uwe Dressler. Wie viel glauben Menschen und besonders Künstler in ihnen zu erkennen. Gesichter sind kommunikative Instrumente, ihre Bedeutung ist dokumentiert in unserem Sprachgebrauch. Hier sprechen sie von Hingabe an die Musik.
Diese Photografien, als atmosphärisch dichte Momentaufnahmen, zeigen flüchtige Augenblicke, die in ihrer Abfolge eine magische Szenerie vor uns ausbreiten, die wir mit allen Sinnen erleben: ein animalisch-kompakter Dunst von Tabak, Alkohol und Männerschweiß breitet sich aus, Gläser klirren, die Luft ist zum Schneiden, über allem die raue Stimme eines Blues-Sängers, dann hämmert der harte Sound des Rock'n Roll in Herz und Ohr, Bässe wummern... Es ist heiß und schwül.
Gerade der Verzicht auf Farbe lässt die verrauchten Szenerien um so farbiger erscheinen, erzeugt die typische Atmosphäre alter Jazzschuppen. Die Photografien reißen uns einerseits mit in ihren dynamischen Strudel, andererseits sind es ganz verhaltene intime Szenen, die uns einen zufälligen Blick erlauben, wie der Blick in ein fremdes Fenster.
Katharina Lichtenscheidts Exponate knüpfen an die Poesie dieser Photos an - das heißt, sie sind poetische Erzählungen. BLAU - die Farbe des Himmels und der Meere, der Dämmerung und der Schatten, der Tiefe und der Ferne, des Schwebenden und Imaginären spielt die Hauptrolle neben lichtem Gelb bzw. Indisch Gelb. Mit etwas zartem Grün und einem Tupfer Orange und rot glühenden Fragmenten beschwören sie den Zauber letzter kostbarer Sonnentage.
Ein unglaublich klarer, großartiger Klang liegt über diesen magischen Landschaften: es ist die Oboe aus Gershwins Rhapsody in Blue, deren Ton sich höher und höher schraubt ins lichtenscheidtsche Blau, um dann allmählich herabzutaumeln in Kaskaden aus Dunst und farbigem Licht. Sonnenlicht, Dunst und Meeresblau, das sich auch aus einem imaginären Wolkentor in Wogen ergießt, Meereslandschaft vielleicht, geerdet mit flüchtigen linearen Stein-Zeichen.
Ihre schmalen Hochformate atmen schon die Kälte nebliger Herbsttage, tragen Spuren erster Frostnächte. Sie spielt in ihren Exponaten mit unserer Wahrnehmung: vordergründige Formen zerfließen, Horizonte verschieben sich, es ist ein dynamisches Wechselspiel von Ordnung und Chaos. Eingedruckte Formen bzw. fragmentarische Linien wollen Realität andeuten, wie Gesteinsformen, Wellenverläufe, Pflanzliches, sogar Blumiges.
Katharina Lichtenscheidts Malerei hat sich übrigens in diesen vergangenen 20 Jahren von kühler Geometrie und dunkler, gedämpfter Farbgebung zu dieser poetisch-magischen, farbig nuancierten Malerei entwickelt. Wenn Älterwerden solche Entwicklung auslöst - dann ist das doch einfach fantastisch!
Werner Franzen ist in seinen Objekten seinen Materialien treu geblieben. Und dennoch hat sich seine Handschrift verändert. Es ist nach 20 Jahren eine gewisse Leichtigkeit dazu gekommen. Auch hier sehen wir seine Vorliebe für die "anderen Werte": Restmüll, wie altes Bauholz, Wachsreste, Metall- und Drahtreste, grob gewebte Stoffteile, geschnitten aus Putzlappen. Zivilisationsmüll, der Spuren menschlicher Nutzung trägt. All das löst den künstlerischen Prozess aus - getragen von purer Experimentierlust und absoluter Respektlosigkeit gegenüber üblichen Wertmaßstäben. Und ich behaupte, wenn aus all diesen Dingen so zarte, fragile Objekte und mysteriöse Objektkästen entstehen - dann ist das ganz einfach Poesie.
Auch das Lichtobjekt trägt diese Handschrift: karg, puristisch, grob gezimmert aus einer alten Kiste spiegelt es geheimnisvolle Tiefe. Die effektvoll schlichte Inszenierung der magischen Stelen am Fenster erinnert an Raumschiffe oder Symbole menschlicher Architektur bzw. Lebenszeichen die Natur hinterlässt.
Als interessante Kontrapunkte betonen sie wie Ausrufezeichen den konträren Charakter dieser Ausstellung.
