Von Neophyten und Neosakralem
NEKROPHILES, NEOPHYTEN, NEOSAKRALES in der Galerie Dielämmer vom 16.9. bis 30.09.2011 von Anne Blass, Inge Broska, Manfred Greulich-Blass.
Seit mehr als einem Jahrzehnt findet zwischen den Ausstellenden- nicht nur innerhalb der Galerie Dielämmer, dem Ort ihres Kennenlernens- ein ständiger lebendiger Austausch statt. Es gibt gemeinsame, vorwiegend künstlerische Interessen zB. die Arbeit mit objét trouvéts, aus einem ursprünglichen Zusammenhang gerissener Einzelteile. Es entstehen neue überraschende- oft skurrile Werke, abseits, begleitend, kommentierend zum ursprünglichen Sinn und Zweck eines Reliktes.
Diese Kunstarbeit ist keineswegs neu!! Gibt es doch große Vorbilder (Schwitters u.a.) Mit viel Kreativität und Sensibilität lässt sich doch immer wieder ganz Eigenes, Authentisches Neues mit aktuellen Bezügen (er-) finden. In unserer Gegend (Tagebau Garzweiler II, Zerstörung der alten archaischen Dörfer) sind Fundstücke, durch respektloses Zerstören, Vergänglichkeit, Morbidität usw. verändert, massenhaft zu finden. Diese Teile haben nicht selten Aufforderungscharakter für die Kunstbearbeitung. Liegengelassen, vergessen, weggeworfen, nicht mehr zeitgemäßlassen sie oft noch vage oder auch deutlich menschlichen Gebrauch ahnen bzw. erkennen. Inmitten von Trauer, Faszination, Inspiration und Totenstille erinnern verlassene Dörfer an große Friedhöfe, unterbrochen durch Katastrophentourismus am Wochenende. Respektlos, der Umgang mit den Stätten des Lebens und Sterbens bis hin zur Umbettung der Toten, eine Art von Nekrophilie?
Entschuldigt die künstlerische Weiterverwendung unseren mit Wollust betriebenen Kunst-Voyeurismus: in den Resten eines ehemaligen fremden Zuhauses? Letzten Endes ist es ja auch ein Abstauben, Abschrauben, Ausschlachten... nicht ruhen lassen... suchen nach etwas Verwendbarem ..... wenn auch nicht vordergründig profitorientiert. Oder fühlen wir uns dabei als leidenschaftliche Kultur-Retter ?
Objekte und Installationen von Anne Blass symbolisieren nicht nur den Verfall von Dingen, sondern auch in ihrer Kombination und Bearbeitung die Vergänglichkeit des eigenen Körpers. Eine Grabstele aus verwittertem Material mit Fotos der zT. schon verblichenen Lieben führt uns liebevoll eindringlich das eigene Altern vor Augen. Das Buch des Lebens ist selbst schon wieder im Verfall begriffen.
Weitere Objekte in der spannenden Technik des Glasfusing (Fundobjekte mit Glas verschmolzen) sind zu sehen. Ebenso die Ährengarbe" aus gebundenem rostigen Draht. Symbol für verrottete einstige Fruchtbarkeit. Bei Manfred Greulich-Blass findet man Attribute aus Fluren und Wohnzimmern ehemaliger gestandener Wohnstätten, unserer bis vor der Umsiedlung der Bewohner gehätschelten Sakralkultur wieder. Kann man einen Jesus oder eine Madonna denn einfach auf den Container schmeißen??? Ja, man tut es. Ist die Sicherung aus Pietät und die künstlerische Integration dieser Relikte auch als Sehnsucht nach einer verlorenen Sinngebung allgemein.. selbst, wenn nicht religiös orientiert, zu verstehen? Unglaubwürdig, dass zum neuen Laminat auch ein neuer Jesus her muss? Neosakrales gelingt Manfred Blass mit Sensibilität und technischem Know How ohne dabei geschmacklos, unsensibel oder anmaßend zu werden .

Ein ephemerer d.h. vergänglicher Zusammenhang der Ausstellungsarbeiten wurde durch das PanoramaRestBild des Dorfes Alt-Otzenrath hergestellt- geknipst von Inge Broska in ihrem ehemaligem zerstörten Garten, mit Fern-Sicht auf die Wahrzeichen, die 3 Türme des früheren archaischen z.T. über 1000-jährigen Dorfes. zwei Kirchen beider Konfessionen und das Schlößchen von Leuffen grüßen noch zum Schluß eingebettet in ein Rosa-Meer von Neophyten. Diese Balsaminenart, auch liebevoll Eifelorchideen genannt, wird meist aus anständigen Gärten verbannt. Die Abbildung entspricht nicht dem Standard der heutigen pixelorientierten Fotokunst, ist dafür aber so selten wie authentisch. Durch aussähen der Neo´s"wurde u.a. den Pflanzen und Bienen nochmal ein einziger wilder üppiger Sommer beschert.. Dies ist auf der nach gotischem Vorbild neosakral gestalteten Einladung von Uwe Dressler (u. A. Blass) mit Madonna vom Container als Mittelpunkt zwischen den beiden Kirchen und Glasfusing-Himmel zu sehen.
September 2011: Inge Broska, Anne Blass, Manfred Greulich-Blass
