Laudatio Jürgen Zaun - Kunstpreisträger 2011
Meine erste Berührung mit der Arbeit von Jürgen Zaun war 1996 in seinem Atelier auf der Uhlandstraße, als die Ateliergemeinschaft zur Ausstellung ≥Bescherung≥ geöffnet hatte.
Ich betrat sein Atelier und fand eine Kette aus Stein, die auf dem
Boden liegend einen großen Teil des Raumes einnahm, ca. 3x3m.
Große, grob behauene Steine waren wie bei einer Perlenkette aufgeschnürt, in der Mitte der größte Stein, zum Hals hin kleiner werdende. Ich war direkt wie elektrisiert: eine Königinnenkette! Aus archaischer Zeit.
Als ob aus der Ferne eine Botschaft winken würde. Trotz ihrer Größe, strahlte die Kette Kostbarkeit aus. Ein Schmuckstück.
In mir wurde der Wunsch geweckt, sie in die Hand zu nehmen,
sie umzulegen. Technisch unmöglich, aber auf magische Weise vermittelte die Kette diesen Eindruck. Eine Umwandlung von Schwere in Leichtigkeit, eine Wandlung von grob behauenem Stein in ein Kleinod. Im Laufe des Wochenendes ging ich mehrmals in Zauns Atelier, und immer wieder stellte sich dieses Gefühl von Angehaucht-werden ein.
Die Steinkette erzeugte eine gleich bleibende magische Kraft.Eine andere Erfahrung von Stein vermittelte mir später Zauns Arbeit in der Alten Post: diesmal lag das Objekt nicht auf dem Boden, sondern schwebte in der Luft, wuchs quasi aus der Wand heraus. Eine Staunen erzeugende Balance zwischen Fallen und Gehaltenwerden. Der Stein fällt nicht, aber es erscheint möglich. Dadurch scheint der Stein in Bewegung zu sein.
Jürgen Zaun lässt im Laufe der Jahre Stein in immer wieder neuen Konstellationen im Raum auftreten. Mal oben, mal unten. Er spielt mit dem Stein. Er erzeugt immer wieder neue Formen, neue Schönheit. Er arbeitet mit geschliffenen Kieseln, mit Eisen, er behaut Stein, platziert ihn mal drinnen, mal draußen, bezieht Licht und Schatten ein.
Kleine Kiesel tragen große Schieferblöcke. Steine werden von
Eisendraht gehalten, die an Mauern befestigt sind. Skulpturen werden
in die Luft geschrieben. Der Stein ist ohne Bodenhaftung. Manche Skulpturen wirken wie Zeichnungen, manche wirken wie chinesische Schriftzeichen. Aber Jürgen Zaun benutzt den Stein nicht als Icon, das für etwas anderes steht, so dass die Betrachter sich in Interpretationen verheddern könnten. Zaun inszeniert nicht ≥Bedeutung≥.
Seine Arbeiten sind Zeichen pur, Zeichen, die sich selbst bedeuten. Sie sind wie Zen. Zaun inszeniert die reine Präsens der Skulptur, des Steins. Und immer mit großer Klarheit und Schönheit.
Ist das alles? , fragt da der Rheinländer. Ja, das ist alles. - Denn mehr ist nicht nötig.
Es ist schon alles da. Gegensätzliches, Widersprüchliches, Unvereinbares wird nicht nach westlicher Logik aufgelöst, aufgehoben. Es wird zur Erscheinung gebracht. Denn Zaun lässt das Innere des Steins zu uns sprechen. Seine Energie, seine Spannung, sein Gewicht in Leichtigkeit dargeboten.
Das Material Stein ist anorganische Materie, Material, das über einen langen Zeitraum entstanden ist und so die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet. Auch die Arbeit mit und am Stein erfordert Zeit. Behutsame Annäherung, Respekt, wenn man ihm sein Geheimnis entlocken will. Der Stein widersetzt sich dem schnellen Erfolg;, sagt Jürgen Zaun. Dann sagt der Stein nein, er platzt, er zerbricht.Die Ästhetik von Zauns faszinierenden Arbeiten lädt ein, zu philosophieren, zu meditieren, Eindrücke fort zu spinnen. Über ihre Gegenständlichkeit vermitteln seine Arbeiten den Betrachtern eine Begegnung mit sich selbst. Sie geben die Freiheit dazu. Und das ist die eigentliche Aufgabe von Kunst.
Trotz der Balance, die manche Objekte vorm Umkippen bewahrt oder ihren Fall verhindert, ist die unmittelbare Erfahrung solcher Skulpturen die Gefahr. Die Balance ist zerbrechlich. Zeitlich. Sie kündet von der Gefährdung der Welt. Die Zerbrechlichkeit des gegenwärtigen Zustands.
Das ist ein Thema, dass auch im Werk Heinrich von Kleists eine große Rolle spielt. Auch Kleist war fasziniert vom fallenden Stein. In einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, am 18. November 1800 in Würzburg geschrieben, berichtete er seine Gedanken angesichts des Stadttores:
Da ging ich, in mich gekehrt, durch das gewölbte Thor, sinnend zurück in die Stadt. Warum dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine aufeinmal einstürzen wollen √ und ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblichen erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn Alles mich sinken läßt.
Gewidmet Silvia Blazina.
Neuss / Grevenbroich, 9. Januar 2011
Inge Harms
